Weltenbau

Gedanken zu internalisiertem Sexismus in Fantasy-Romanen

oder: Warum eigentlich?

Vor knapp zwei Jahren stellte sich Carmilla DeWinter einige nicht ganz uninteressante Fragen, die eins sich gerade als Fantasy-Autor*in ruhig mal stellen sollte:

Von wegen unausweichlich, oder: Internalisierter Sexismus

Auszugsweise gebe ich diese an euch weiter:

Wie logisch ist es eigentlich, dass eine Figur mit weiblichen Pronomen von sich sagt, sie sei froh, kein Mädchen zu sein? […]
Wieso nehmen sogar viele Frauen immer noch an, feminin/weiblich sei nicht so gut wie männlich? Schlechter bewertet mag etwas sein, aber macht das etwas an sich schlechter?
Wieso ist „kreischt wie ein Mädchen“ eine Beleidigung? Wieso verwenden Frauen*, die fiktionale Texte schreiben, derlei Vergleiche? Und wieso lassen wir uns das durchgehen?
Wie logisch ist es eigentlich, dass in einer Welt, in der Leute zaubern können, immer Männer an der Macht sind?
Wieso sollte eine Frau, die zaubern kann, sich von einem Mann, der es nicht kann, irgendetwas sagen lassen? Würde es in einer solchen Welt sexualisierte Gewalt geben, und wenn ja, wie sähe sie aus? Wer würde wem warum auf der Straße anzügliche Sprüche hinterherrufen?
Wieso sollte es in einer Welt, die eine Heilerzunft/-gilde/-weißichwas hat, nicht möglich sein, die Verwandtschaft von Personen festzustellen? Braucht es in einer solchen Welt Frauen, die unberührt in die Ehe gehen? Müsste überhaupt irgendwer in die Ehe gehen? Wie würde sich Prostitution in einer solchen Welt darstellen, und wäre „Hure“ eine Beleidigung?
Wie funktioniert Schwulenhass, wenn er nicht auf Frauenverachtung basiert? Kann ein solches Konstrukt dann überhaupt existieren?

Sehr berechtigte Fragen. Vor allem, wenn eins sich vor Augen führt, wie weit unsere vordergründig und stolz zur Schau getragene „Geschlechtergleichheit“ noch davon entfernt ist, in den Köpfen unserer Bürger angekommen zu sein. Warum sollten gerade Fantasy-Welten, in denen di*er Schöpfer*in schalten und walten kann, wie si*er möchte, stets die irdischen Regeln spiegeln? Was bei George R. R. Martins „Das Lied von Eis und Feuer“ insofern passt, als alles auf der Zeit der Rosenkriege basiert, wirkt bei der „Gilwenzeit“-Reihe Robert M. Talmars oder „Die Speere Gottes“ von Daniel Loy ein wenig fehl am Platze.

Nixblix wird hier nicht auf alle Fragen eingehen, aber dennoch einige Gedanken zu dem Thema anbringen, zumal erste Ideen sich bereits in einem Dialog entfalteten, den sie vom 25. bis 28. Oktober 2016 im Anschluss an die Lektüre ihres Blogbeitrags mit Carmilla DeWinter führte (siehe Kommentare zum verlinkten Blog).

Instinktiv hatte Nixblix einen Teil dieses „Problems“ bereits bei Erschaffung sämtlicher Welten, in denen ihre Geschichten spielten, umgangen, indem sie einfach ihre Sicht auf Menschen in diese übertrug. Für Nixblix sind alle Menschen gleichwertig. Das biologische Geschlecht spielte in ihrer Wahrnehmung stets nur eine untergeordnete Rolle, war nicht oder nur in den seltenen Fällen, da Person X den Klischees nahe kam, mit der Bewertung des Charakters oder Verhalten verknüpft. Sämtliche Charaktere, die sie erdachte, sind eher zufällig männlich oder weiblich (an Trans-Identitäten hatte ich bisher nicht gedacht, eins möge mir verzeihen). In Talnia, der Welt des aktuellen Romanprojekts, die ca. 2002 erstmals in Comic-Form erschaffen wurde, erklärt sich die nicht vorhandene Geschlechterdiskriminierung – damit auch das Fehlen solcher Begriffe wie „Lausbub“ oder feststehender Zusätze à la „[…] wie ein Mädchen.“ – durch die Mythologie und die Tatsache, dass die ältesten Rassen Talnias geschlechtslos sind. Diese Rassen erschufen die ersten Reiche und überlieferten unzählige ihrer Vorstellungen an die binären Rassen. Die sterblichen unter letztgenannten Rassen wiederum erweiterten die Mythologie um Aspekte von Tod und Leben.

An dieser Stelle folgt zum besseren Verständnis ein Kurzabriss zur Mythologie Talnias:

In dem vermutlich ältesten – und offiziellen – Überlieferungsstrang schufen sieben form- und geschlechtslose Wesen im Äther aus verdichteter Masse einen Planeten und die Gestirne. Die Sieben bevölkerten diese Welt namens Talnia mit ihren ersten Geschöpfen, Pflanzen und Tieren, den Hikari (Lichtwesen) und den Feen, aber auch den Thaghonen und Thaphipen (geflügelte und ungeflügelte Drachen). Um über die Schöpfung zu wachen und um zwischen den Sieben und ihren Schöpfungen zu vermitteln, setzten sie die Devai ein. Bald jedoch mussten sie diese dienenden Kreaturen in einer eigenen Dimension einsperren.

Zwei der Sieben waren Verkörperungen der Prinzipien Tag und Nacht, Ordnung und Chaos, Zerstörung und Wiedererrichtung, Wachen und Schlafen. Die Aspekte Leben und Tod traten erst hinzu, als die Religion der Sieben sich auch unter den sterblichen und binären der Alten Rassen, den Zwerg*innen, Drachen, Deimo (blauhäutige Dämon*innen) und Xiamin (Kobold*innen) verbreitete. Weitere vier vertraten die Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft, das siebte Wesen war das Gericht und die Gerechtigkeit. Zu den Ausprägungen des Glaubens bei den verschiedenen Rassen folgt bei Gelegenheit ein eigener Blogeintrag.

Einem zweiten Überlieferungsstrang zufolge seien dagegen die Devai jene gewesen, die jene Unendlichkeit namens Äther als Erste besiedelten. Bis sich sieben unter ihnen entschlossen hätten, das Chaos zu ordnen und ihm feste Form zu verleihen. Die Devai, sie sich dagegen gewehrt hätten, seien in einer eigenen Dimension eingesperrt worden. Aus dem Körper des größten Deva hätten die Sieben Talnia, das Himmelszelt und die Unterwelt geformt. Einziger gemeinsamer Nenner ist die Verbannung der Devai in die sogenannte Anderswelt, die sie nur verlassen können, wenn sie mithilfe einer Beschwörung nach Talnia gerufen werden, weil jemand ihre Dienste in Anspruch nehmen möchte.

Da die Sieben wie ihre frühesten Geschöpfe geschlechtslos sind, bildeten sich in Talnia auch keinerlei „typisch weiblichen“ oder „typisch männlichen“ Attribute heraus, wie in der griechischen oder römischen Mythologie, wo die rohe Gewalt, der beispielsweise brutale Aspekt des Krieges Sache des Mannes in Gestalt von Ares/Mars war, die besonnene Strategie und die beratende Tätigkeit dagegen an der Frau in Gestalt Athenes/Minervas hängen blieb. Von wegen, Frau Dr. Merkel sei keine „klassische Frau“, weil ihr die „weibliche“ Emotionalität abgehe, machen Sie mal Ihre Hausaufgaben, Herr Spreng. (Hugo Egon Balder wirkt in dem Moment, als würde er Herrn Spreng ins Gesicht springen wollen 😉 ) Von der berechtigten Frage einmal abgesehen, was er sich unter der „klassischen Frau“ vorstellt. Ehrlich gesagt, will Kleinnixblix das gar nicht wissen. Sind aber solche Geschlechterrollen durch die göttlichen Wesenheiten schon nicht vorgegeben, wie hätten sie sich in Talnia etablieren sollen?

An dieser Stelle möchte ich wieder auf den oben genannten Dialog zwischen Carmilla DeWinter und mir verweisen. Am Anfang stand das Grübeln. Es wurde überlegt, wie eins Begriffe wie „Königreich“, „Grafschaft“, etc. umgehen oder neue Begriffe finden könne. Eins müsse schließlich in einer Welt, in der es nicht vom Geschlecht abhänge, wer den Thron besteigt oder die Regent*innenschaft antrete, davon ausgehen, dass es eine geschlechtsneutrale Terminologie für Regierungsformen gebe.

Es folgten erste Lösungsansätze, beispielsweise ist in zumindest einem Fall in Talnia eine Republik fest installiert. Neutral, perfekt. Aber nicht alle Regierungen entsprechen den Kriterien einer Republik, die meisten sind Monarchien. Die Überlegung, sich in anderen Sprachen zu bedienen, kam auf, da es sich nicht gerade einfach gestaltet, »innerhalb [der] deutschen Sprache Wörter zu finden, die neutral sind.« [Zitat Carmilla DeWinter vom 25. 10. 2016], wobei es im Englischen, Französischen und teils auch im Lateinischen ebenfalls eher mau aussieht. Slawische Sprachen wären noch eine Option, die ich bisher nicht in Angriff genommen habe. Da müsste eins überlegen, welche Kultur ähnliche Sprachen verwenden könnte. Kommt noch.

Den folgenden Gedankengang meinerseits gebe ich der Einfachheit halber wörtlich wieder:

In der lateinischen Sprache gibt es leider ebenfalls deutliche Unterscheidungen zwischen männlichen und weiblichen Formen, jedoch das Imperium – bei uns ja gemeinhin mit „Kaiserreich“ übersetzt, eigentlich Kaisertum, Oberbefehl, Macht, etc. – oder Regnum – Königtum/Königsherrschaft – wären beide grammatikalisch gesehen neutral. Der Begriff Principatus ist zwar grammatikalisch männlich, bedeutet aber übersetzt „erste Stelle“ bzw. „höchste Stelle“ bzw. „Kaiserwürde“. Der Princeps (eine weibliche Entsprechung gibt es im lateinischen nicht) ist aber im Grunde nichts anderes als der Fürst; das Prinzipat also der Vorsitz resp. die fürstliche Macht. Daraus ließe sich vielleicht was machen.
Comté (Grafschaft, von comte, männlich), royaume (Königreich, von roi, männlich), principaute (Fürstentum, von prince, männlich) heißt es im Französischen. Sämtliche weiblichen Formen sind von den männlichen abgeleitet. Ausnahme ist souverain = (fürstlicher) Herrscher, das hat keine weibliche Form, ebenso wenig potentat. Ist deprimierend :/

So weit, so verzwickt. Dann kamen Nixblix die Hikari wieder in den Sinn. Insbesondere diese Rasse verbreitete den Glauben an die Sieben weltweit. Aus diesem Grund stammen die grundlegenden Begriffe, die mit dem Glauben zusammenhängen, aus ihrer Sprache, dem Higengo, so auch die ursprünglichen Namen für die Wochentage.

Nun handelt es sich bei den Hikari ebenfalls um geschlechtslose Lichtwesen. Diese hatten nicht nur in puncto Religion einen starken Einfluss, sondern waren auch in anderen Bereichen kulturübermittlend, etwa, was die Sprache anging. Die von ihnen regierten Gebiete werden in Talnia noch zwei Jahrtausende nach dem Ende der Ära der Hikari in ihrer Sprache Teikoku genannt – auf Deutsch Kaiserreich. Klingt zunächst nach einer maskulinen Form. Im Deutschen. Im Japanischen scheint das Wort tei (Kaiser*in) allerdings neutral zu sein, ansonsten würde ja nicht nur ein weibliches Präfix jo- angefügt, um zu kennzeichnen, wenn es sich um eine Kaiserin (jotei) handelt, sondern zusätzlich ein männliches Präfix kou- gar nicht verwendet werden. Genau das geschieht aber (koutei). Es wird explizit zwischen männlichem und weiblicher tei unterschieden, mittels Präfix. Warum also sollte tei- als Wortbestandteil von teikoku nicht neutral gehandelt werden?

Ich werde diesen Begriff als Grundlage verwenden für von König*innen und Kaiser*innen regierte Länder. Dass er im Laufe der Zeit sprachliche Umwandlungen erfahren hat, liegt auf der Hand, zumal das eigentliche Higengo nicht mehr gesprochen wird und nur noch in einem Dialekt fortlebt. Aber dazu ein ander Mal mehr.

Fragen über Fragen. Es ist bezeichnend, dass viele sich solche Fragen gar nicht stellen. […] Manchmal finde ich es erschreckend, wie sehr wir alle in unseren Denkmustern gefangen sind.

Da kann ich nicht mehr als zustimmen. Jedoch bin ich der Überzeugung, dass umso mehr Leute damit beginnen, soziale Konstrukte, tradierte Vorstellungen und Konzepte von Beziehungen, Geschlechterrollen, etc., zu hinterfragen, je mehr Werke existieren, die abweichende Modelle vorstellen. Jede gute Revolution ist die, welche langsam vonstatten geht. Denn nur dann können sich Veränderungen in den Köpfen der Leute wirklich fest verankern.

In diesem Sinne: Bis zum nächsten Gedankengang.

Euer Nixblix.

Ein Gedanke zu „Gedanken zu internalisiertem Sexismus in Fantasy-Romanen“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s