Alben und andere Fantastische Kreaturen, Allgemein, Asexualität, Rezension, Sichtbarkeit und Bildung, Vielfalt

Eine Welt, in der es keine Worte gibt …

Rezension von Carmilla DeWinters „Albenzauber“ (Erschienen 2017 im Selbstverlag; bestellbar unter anderem über die Autorin selbst).

Cover Printausgabe
Cover: Irene Repp. http://daylinart.webnode.com/ Bildrechte: (c) Falcona – shutterstock.com.

333 Seiten mit einer geradlinigen Handlung, die nicht zuletzt aufgrund ihres Spiels mit Stereotypen[1], ihrer tiefgründigen und glaubwürdigen Charaktere und der komplexen Welt zu faszinieren weiß. An dieser Stelle gebe ich euch einen knappen Einblick, um mich anschließend mit einem zentralen Anliegen des Romans zu befassen – quasi dem Hauptplot, der interessanterweise beinahe als Nebenplot getarnt ist.

Zur Handlung[2]:

Das Grundgerüst bildet das Streben des jungen Alben Cirrus Salvan, irgendwann in seine Heimat, das Valtacité, zurückzukehren und seinen rechtmäßigen Platz auf dem Thron einzunehmen. Im Säuglingsalter entging er dem sicheren Tod nur, weil sein Kindermädchen Nives, eine schwach mit der Gabe der Weissagung gesegnete Albin, mit ihm über die Grenze des Albenreichs zu den Menschen floh. Seine Eltern und sein älterer Bruder dagegen wurden von den Putschisten um Solanus Gannes ermordet. Cirrus wächst unweit der menschlichen Siedlung Pascanova unter der Obhut der stets um sein Wohl und seine Bildung besorgten Nives auf.

Den strigae, wie Alben von den Menschen in Centerre genannt werden, wird Argwohn entgegengebracht, der unter anderem von der Furcht vor dem „Albenzauber“ her rührt, der eins vor Begierde um den Verstand bringen kann. Ausgerechnet Nives wirkt diesen Zauber unwillentlich auf einen Mann aus dem nahen Dorf. Ohne Kenntnis darüber, wie er zu lösen ist, begeben sich Nives und Cirrus in ihre frühere Heimat, in der Hoffnung, dort eine Lösung zu finden. Dabei erfahren sie, dass die Tochter des Thronräubers, Noctuola Gannes, einen Krieg mit den Menschen zu planen scheint. Entschlossen, ihr Volk vor dem Unheil zu bewahren und Noctuola vom Thron zu stoßen, holt Cirrus Rat bei einer Seherin ein. Diese verkündet ihm, sein Vorhaben würde nur mit Hilfe eines Menschen gelingen, der weder Mann noch Frau sei und zudem gegen den Albenzauber gefeit[3].

Verständlicherweise reagiert Nives, die sämtliche Überlieferungen ihres Volkes in- und auswendig kennt, darauf mit Unglauben, denn „keine einzige Geschichte erwähnte ein Wesen, das weder ein Mann noch eine Frau war.“ Doch sind Zweifel an deren universellem Wahrheitsanspruch nicht berechtigt, wenn die Geschichten andere ebenso unerwähnt lassen, die es nachweislich gibt?

„Andererseits kamen in den Geschichten auch keine Leute vor, die ausschließlich solche ihres eigenen Geschlechts begehrten. […] Zugegeben, wenn etwas nicht in den Geschichten vorkam, bedeutete es nicht, dass es nicht existierte.“

Aber wenn die Überlieferung etwas schon nicht kennt, wie soll eins darüber reden?

 

Ich weiß nicht, wie soll ich es erklären? – Wenn die Worte fehlen.

Und damit kämen wir zu dem eigentlichen Anliegen dieses Artikels, nebst jenem, die Werbetrommel zu rühren. Nicht allein hat „Albenzauber“ mich überzeugt, auch hat es ein im Eigenverlag erschienenes Werk häufig schwerer, einem größeren Publikum bekannt zu werden, da eben kein Verlagshaus und dessen finanzielle Möglichkeiten samt Werbeabteilung dahinterstehen. Darüber hinaus ist es im Sinne der Sichtbarkeit und Bildung von nicht zu unterschätzender Bedeutung, Werke wie dieses in weiten Kreisen bekannt zu machen.

Denn hier wurde eine Problematik angesprochen, auf die ich an anderer Stelle bereits von theoretischer Seite eingegangen bin. Die Mehrheit prägt unsere Gesellschaft in all ihren Facetten. Die Mehrheit prägt unser Sozialleben, unsere Gesetze, unsere Wahrnehmung dessen, was als „Normalität“ gilt. Sie gibt die Sprache vor, der wir uns bedienen. Wenn wir uns nun allein mit Hilfe der Worte beschreiben sollten, welche die Sprache der Mehrheit vorsieht, werden wir uns schnell als „nicht normal“, „defizitär“, „falsch“ bezeichnen. Dann werden wir schnell unseren Partner*innen oder irgendwelchen Verfasser*innen stupider Frauenzeitschriftenartikel glauben, die uns sagen, dass wir das Problem sind und wir uns ändern müssen. Denn Menschen wie uns könne es ja nicht geben.

Und exakt dies tut die Protagonistin Nives:

„Selbst Vulpin hatte sie nie begreiflich machen können, was falsch an ihr war, und er hatte sie verlassen in dem Glauben, dass sie ihn nicht liebte.“

Sie nennt sich selbst eine „Eisfrau“, weil sie nicht wisse, wie das funktioniere, das „Begehren“. Sie sieht sich als minderwertig an, erst recht, seit ihre Unfruchtbarkeit bestätigt wurde.

„Aber wie viele Lieder betrauerten, dass jemand ohne Erben gestorben war?“

Erst, indem sie in Heilika, einem Ritter des Sonnenordens mit weiblichem Pronomen, eine zweite Person kennenlernt, die fühlt wie sie, beginnt sie allmählich zu begreifen, dass „normal“, „gesund“ und „richtig“ nicht zwangläufig das ist, was die Mehrheit als solches benennt.

Carmilla DeWinter gelingt es, in einem Werk zwei Charaktere zu zeigen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und dennoch eine Gemeinsamkeit teilen: Beide sind asexuell. Doch wo Heilika zusätzlich sehr kämpferisch und kaltschnäuzig ist, selbst die Obrigkeit beständig hinterfragt, mit ihrem biologischen Geschlecht nichts anfangen kann, gleichzeitig aber auch keine männlichen „Teile“ wünscht, weil sie ihr ebenso unnötig erscheinen, Berührungen generell eher abgeneigt ist und keinerlei „Flattern im Magen“ kennt, das mit Verliebtheit einhergeht, achtet Nives sehr auf Zurückhaltung, Höflichkeit und auf ihr Äußeres, weil es von ihr als Frau so erwartet wurde, ist ängstlich und introvertiert, sehr fürsorglich, begreift die Geschichten ihrer Ahnen als Anker, die zu kritisieren sie kein Recht hat, und sehnt sich nach Zärtlichkeiten, wobei sie in ständiger Furcht davor lebt, dass eine Berührung „ein Anfang“ sein könnte. Besser hätte eins nicht demonstrieren können, dass eine sexuelle Orientierung nichts über den Menschen aussagt. In den Danksagungen formuliert es die Autorin sehr treffend:

„Grundsätzlich gilt, dass es genauso viele Wege gibt, A_sexualität oder ein nicht-binäres Gender zu leben, wie es Wege gibt, jegliche andere sexuelle Orientierung oder die binären Geschlechter bzw. Gender „männlich“ oder „weiblich“ zu leben.“

An anderer Stelle habe ich die sexuelle Orientierung eines Menschen einmal als winziges Puzzleteil eines 50.000-Teile Puzzles beschrieben, das „Individuum“ heißt. Obgleich es folglich ein eher marginales Element darstellt, kann es dennoch von fundamentaler Bedeutung für uns sein, dieses Puzzleteil bei einem anderen Menschen zu finden. Oder eben einer Romanfigur. Dann kann es uns gehen wie Nives im Dialog mit Heilika:

„Es gab noch jemanden wie Nives. Die ganze Zeit hatte sie geglaubt, dass sie allein auf der Welt war, doch hier begriff endlich jemand, was sie fühlte.“

Im Dialog mit Menschen, die unsere Wahrnehmung teilen, entstehen neue Worte, die unser Empfinden beschreiben. In diesen werden eigene Sprachen und eigene Werke verfasst. Nur, wenn etwas festgehalten wird, kann es auch überliefert werden. Und nur das, was überliefert wird, wird eine Kultur überdauern und überleben. Findet etwas keinen Eingang in die Überlieferung, hat es niemals existiert, kann seine Existenz geleugnet werden.

 

In diesem Sinne: Lasst euch von Carmilla DeWinter gerne noch tiefer in ihre Welt entführen , die sie in mittlerweile vier Romanen, einem Kurzroman und mehreren Kurzgeschichten mit Leben gefüllt hat.

♠♠♠♠

[1] An dieser Stelle sei der Weltenbau-Artikel https://carmilladewinter.com/2017/05/01/alben/ sehr zu empfehlen.

[2] Leseprobe gibt es hier: https://carmilladewinter.com/2017/04/10/leseprobe-albenzauber/

[3] Aufgegriffen wird hier ein Topos, demzufolge Asexuelle gegen Zauber immun sein müssten, welche zum Ziel haben, das Gegenüber auf sexuelle Weise zu verführen: https://asexualagenda.wordpress.com/2017/02/13/ace-tropes-acearo-immunity/

♠♠♠♠

Weiterführende Links zu den zentralen Themen von „Albenzauber“ – auch, aber nicht nur, weil die Autorin darauf in den Danksagungen verweist:

aven-info.de

aktivista.net/links

geschlechtsneutral.wordpress.com

Advertisements

4 thoughts on “Eine Welt, in der es keine Worte gibt …”

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s