Asexualität

Welchen Beitrag kann ich leisten?

Die Asexual Awareness Week (22. – 28. 10. 2017) [1] ist zwei Tage alt und noch habe ich keinen aktiven Beitrag dazu geleistet. Oder doch? Lasst mich kurz darüber nachdenken …

Im Laufe des vergangenen Jahres hatte ich:

-mein inneres Coming Out, gleichzeitig ein Coming Out gegenüber einem gutem Freund, der anwesend war. Es war der berühmte „Und-es-hat-Klick-gemacht“-Moment;

-etwas über 30 Coming Outs gegenüber Verwandten, Freund*innen und Bekannten, wenn ich die Leute nicht mitzähle, die an der AktivistA 2017 in Stuttgart teilgenommen haben und sich ohnehin schon mit dem Thema auseinandersetzen. Und die Zahl steigt, denn ich oute mich auch gerne mal Wildfremden gegenüber wie einer Ladenbetreiberin in der Saarbrücker Mainzer Straße (während des dortigen CSD);

-in meinem Blog mehrfach über Asexualität gesprochen;

-auf DeviantArt (wie auch hier) Comics eingestellt, die sich damit beschäftigen;

-Buttons und Aufkleber in den Flaggenfarben bei AktivistA erworben und Dinge, die ich täglich mit mir herumschleppe, damit geschmückt;

-mehrere Kurzgeschichten zu Personen aus dem asexuellen Spektrum gestartet und weiter an meinem Roman gearbeitet;

-mich immer und immer wieder bei Gesprächen unbeliebt gemacht, indem ich bei sexuellen und/oder romantischen Themen eingelenkt habe.

Dank mir ist die Existenz von Asexualität auch einer Paar- und Traumatherapeutin sowie einem Heilpraktiker ein Begriff. Etwas, wovon künftige Patient*innen profitieren könnten.

Habe ich also einen Beitrag geleistet? Ich denke schon. Und den leiste ich nicht, weil zufällig diese eine Woche im Jahr ist [2]. Ich leiste meinen Beitrag quasi Tag für Tag. Dennoch habe ich ein schlechtes Gewissen. Glaube, nicht genug zu tun. Warum ist das so?

Lassen wir diesen Gedanken einfach mal unkommentiert im virtuellen Raum stehen.

Also, was kann ich tun?

Denn nun möchte ich euch eine Publikation vorstellen, die für die anglophonen unter euch interessant sein dürfte:

Asexual Perspectives
© Sandra Bellamy.

Sandra Bellamys Sammlung von „Asexual Perspectives. 47 Asexual Stories.[3].

Darin enthalten sind neben der Geschichte der Autorin selbst und einem Interview mit dem Gründer von Pride Matters, Darren Marples, 46 Erfahrungs- und Erlebensberichte von Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, Ethnie, Herkunft und Religion, die dem asexuellen Spektrum angehören. Einige davon machen Mut und zeigen, wie wertvoll und notwendig ein Umfeld ist, in dem eins sich aufgehoben und sicher fühlen kann. Andere wiederum hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack und sind schwer verdaulich. Es finden sich solche, die als „Gold Star Asexuals[4] durchgehen würden, sowie welche wie ich, die selbst innerhalb der Community häufig totgeschwiegen werden und denen von Außenstehenden gerne die Fähigkeit abgesprochen wird, sich selbst beurteilen zu können. Die Geschichten entstehen auf der Grundlage eines Fragebogens und die Fragen beziehen sich darauf, wann die Person sich ihrer Asexualität bewusst wurde, wie sie damit in Kontakt kam, welche Ängste und Wünsche damit verbunden sind, welche positiven Aspekte diesem Teil der Identität abgewonnen werden können, wie die eigenen Empfindungen sich auf die Einstellungen und Gedanken zu (romantischer) Liebe, Ehe, zu Sexuellem oder zur Familienplanung auswirkt.

Die Publikation richtet sich in erster Linie an Menschen, die dem asexuellen Spektrum angehören. Sie soll anhand der Vielfalt der Lebensgeschichten aufzeigen, dass kein Leben nach einer „Norm“ verläuft, soll Aces Mut machen, ihren eigenen Weg zu gehen und auf ihr Herz zu vertrauen. Soll ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind.

Aber ich bin sicher, dass auch allosexuelle Menschen aus den Geschichten lernen können. Sei es, weil sie Partner*innen, Verwandte oder Freund*innen von Asexuellen sind und ihre Lieben verstehen lernen möchten, sei es, weil sie aus anderen Gründen an dem Thema interessiert sind. Ich denke da an diverse Autor*innen.

 

Ich wünsche euch eine schöne Woche.

Euer Nixblix.

♠♠♠♠

 

[1] Eine Linksammlung dazu findet ihr hier.

[2] Ich zähle auch zu jenen, die Geburtstage, Mutter- und Vatertag, Valentinstag, Weihnachten und Allerheiligen eher für unwichtig erachten. Oder den Weltfrauentag, den Weltaidstag, etc. Nicht, weil die Gedanken dahinter falsch wären, sondern weil ich keinen Anlass brauche, um jemandem eine Freude zu machen. Und weil mir die Probleme auf der Welt bewusst sind und ich jeden Tag zusehe, was ich mit meinen beschränkten Mitteln dagegen unternehmen kann.

[3] Sandra Bellamy (Hrsg.), Asexual Perspectives. 47 Asexual Stories. Love, Life and Sex, ACElebration of Asexual Diversity (Truro 2017). ISBN 9-780995-599338.

[4] Andrzej Profus, Unsichtbares sichtbar machen. Asexualität als sexuelle Orientierung. In: Michaela Katzer / Heinz-Jürgen Voß (Hrsg.), Geschlechtliche, sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung. Praxisorientierte Zugänge. Angewandte Sexualwissenschaft 5 (Gießen 2016) S. 225-242 [„Reaktionen auf das asexuelle Coming Out„: S. 233-236]. ISBN 9-783837-925463.

 

 

 

2 Gedanken zu „Welchen Beitrag kann ich leisten?“

  1. Ja … eigentlich sollte eine meinen, dass sie schon genug tut, aber die Dinge bewegen sich manchmal so langsam, dass es scheint, als würde gar nichts passieren und dass kein Aufwand der Welt genug wäre, um das Tempo auf ein befriedigendes Maß zu erhöhen.

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    1. Spontane Revolutionen taugen leider in der Regel wenig bis nichts, sondern nur langsame Veränderungen. Es hat ja auch lange gedauert, bis sich die Leute ans Wahlrecht erst für die unteren Schichten und dann für Frauen gewöhnt haben. Mittlerweile würden sie es mit Zähnen und Klauen verteidigen. Irgendwann werden unser Kampf und unsere Unsichtbarkeit nur noch Kapitel in der Geschichte sein. Vielleicht erleben wir es sogar noch 🙂
      Wie heißt es so schön: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“

      Gefällt 1 Person

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