Asexualität, Humor, Rezension, Sichtbarkeit und Bildung

Humor mit ganz eigener Würze: „Die Magier Seiner Majestät“ von Zen Cho.

Kürzlich erst in meinem belletristischen Zweijahresrückblick erwähnt.

Weil ich der Autorin diese Rezension nicht vorenthalten möchte, nachdem ich sie ihr gegenüber bereits im März 2017 in einem kurzen Mail-Austausch angekündigt hatte, habe ich mich dieses Mal ausnahmsweise in Zweisprachigkeit versucht.Die Magier Seiner Majestät (2)

Hin und wieder greift eins sich beim Stöbern in der Buchhandlung des Vertrauens tatsächlich eine Perle heraus. Natürlich ist auch Nixblix vor optischen Reizen nicht gänzlich gefeit und so muss ich zugeben, dass mich zuallererst das Umschlagbild lockte. Es hat Stil, ist weniger bombastisch als die amerikanische und humorvoller als die britische Ausgabe. Aber ich will mich nicht in einer Analyse der wundervoll verschnörkelten Schattenrisse ergehen – der Inhalt ist es, der vorrangig interessiert.

Zen Cho

Zur Autorin sei kurz erwähnt, dass sie aus Malaysia stammt und derzeit in Großbritannien lebt und arbeitet. Hauptberuflich ist sie als Anwältin tätig. Ihr kultureller Hintergrund trägt einen nicht unbeträchtlichen Teil zu ihren Geschichten bei und als Angehörige einer Minderheit in Großbritannien weiß sie um die Bedeutung von Sichtbarkeit in den Medien.

Was erwartet das Publikum?

Großbritannien zu Beginn des 19. Jahrhunderts – an mehreren Stellen ist von einem mächtigen Napoleon Bonaparte als Gegner die Rede, was dafür spricht, die Handlung in die Zeit vor den desaströsen Russlandfeldzug von 1912 zu setzen.

Die Magie geht zur Neige, was die Magier der Sozietät Widernatürlicher Philosophen und insbesondere den frischgebackenen Königlichen Magier Zacharias Wythe vor ein großes Problem stellt, zumal der Sultan des fernen Inselreichs Janda Baik die Briten um magische Hilfe gegen eine Gruppe Lamien und Hexen bittet. Um seine aufgrund seiner Herkunft – Zacharias ist ein von seinem Vorgänger und Ziehvater Sir Stephen Wythe freigekaufter schwarzer Sklave – und der mysteriösen Umstände seiner Wahl zum Königlichen Magier schwache Position zu stärken und die Ursache des Magierückgangs zu ergründen und gegebenenfalls zu beheben, entschließt er sich zu einer Reise nach Fobdown Purlieu, wo sich ein Übergang ins Feenreich befindet. Eine Laune des Schicksals in Gestalt des redescheuen Rollo Threlfall will es, dass Zacharias dort an dessen Stelle in einer Schule für magiebegabte Mädchen aus höherem Hause einen Vortrag halten soll. Über die Methoden entsetzt, die den jungen Hexen beigebracht werden, um ihre Magie zu unterdrücken – Frauen ist deren Anwendung per Gesetz nicht gestattet, wobei beim Dienstpersonal gerne darüber hinweggesehen wird – kommt er zu dem Schluss, das Gesetz zu reformieren. Zumal ihm das immense Potential vor allem einer jungen Dame, dem Dienstmädchen Prunella Gentleman, auffällt. Unter dem Vorwand, sein Lehrling und Thaumaturgin der Sozietät werden zu wollen, hängt diese sich fortan wie eine Klette an Zacharias. Ihr Ziel heißt London, wo sie trotz ihrer zumindest teilweise nicht britischen Abstammung auf eine lukrative Ehe und damit den finanziellen Rahmen hofft, um eine eigene Schule für magiebegabte Mädchen zu eröffnen.

Noch am selben Abend findet der erste Anschlag auf Zacharias´ Leben statt. Als wäre das noch nicht genug, schaltet sich kurz darauf die Vertreterin der zweiten Partei im Konflikts um Janda Baik, die Hexe Mak Genggang, ein und fordert, den König zu sprechen. Und es bleiben weiterhin ungeklärte Fragen, deren drängendste jene nach dem Grund für die Unterbrechung des Magieflusses nach Großbritannien ist. Was hat es mit Sir Stephens Tod auf sich? Und welches Erbe trägt Prunella in ihrem Koffer mit sich, den ihr Vater hinterlassen hat?

Fazit

Nachdem ich „Die Magier Seiner Majestät“ regelrecht verschlungen habe, möchte ich kurz darauf eingehen, was mich – von einem winzigen Plotloch bezüglich des Inhalts der Singkugel in Prunellas Besitz und den anfangs gewöhnungsbedürftigen, raschen und absatzlosen Perspektivwechseln abgesehen – an diesem Werk derart fasziniert hat.

1) Die Sprache. Ein Stil, der an die Epoche gemahnt, in der das Werk spielt. Ein Stil, der nicht umsonst zu einem Vergleich mit den Werken Jane Austens geführt hat. Gewürzt mit einer ganz eigenen Art von Humor und Eleganz. Es macht Spaß, sich die blasierten britischen Aristokraten und die herausfordernde, selbstsichere Art Prunellas vorzustellen. In jedem Satz spürt eins das Leben, das in diesen Charakteren pocht. Außerdem liebe ich sprechende Namen.

2) Alles greift ineinander. Jeder Handlungsstrang ist Teil eines einzigen großen Knäuels und so bleiben keine losen Enden.

3) Die Welt. Es dauert ein wenig, bis eins den zeitlichen Kontext (Regency Periode) hergestellt oder die Hierarchie der Sozietät und der Zauberbegabten verstanden hat, doch fällt es nicht schwer, einen Zugang zur Magie und den nicht-menschlichen Geschöpfen zu finden, da mit bekannten Elementen gearbeitet wird – so untersteht das Feenreich beispielsweise dem launenhaften Oberon und der reisefreudigen Titania. Die Autorin verschwendet keine Seiten mit Infodumping, sondern lässt die Leser*innen spüren, dass ihre Welt älter ist als das gedruckte Endergebnis. Als Beispiel sei folgende Passage zitiert, die gleichzeitig einen Hinweis darauf liefert, warum Frauen die Anwendung von Magie untersagt ist:

„Die Mädchen erhielten einen Grundkurs in thaumaturgischer Geschichte, der vor lehrreichen Beispielen für die unschönen Folgen der Magieanwendung durch Frauen nur so strotzte. Darunter fielen auch die schreckliche Blutmagie Königin Marys und der Ausbruch ungehinderter Hexerei, der im Mittelalter ein solches Chaos verursacht hatte.“ [S. 68]

In ihrem Debütroman zeichnet Zen Cho mit Liebe zum Detail eine Gesellschaft, in der vieles wie selbstverständlich angenommen wird und die von Schwermut erfüllt ist, eine stillstehende Gesellschaft, die noch nicht begriffen hat, dass sie nur einen Schritt nach vorne tun muss.

4) Die Sexualität der beiden Protagonist*innen in einer Welt, die bestenfalls versteckte Andeutungen des Sexuellen kennt. Das wirkt zunächst wie ein Widerspruch. Aus einer Antwort der Autorin auf eine Mail meinerseits geht hervor, dass die weitgehende Ausblendung von Sex und Sexualität auf die Vorbilder aus dem Genre der Regency romances (auch als novels of manners beschrieben) zurückgehen würden. Vor diesem Hintergrund habe sich Frau Cho keinerlei Gedanken über die Sexualität von Zacharias und Prunella gemacht. Beim Lesen ließ mich manche Textstelle allerdings grübeln.

„Ich sehe, ich habe dich überrascht“, sagte Zacharias. Er zögerte. „Vielleicht wäre es besser gewesen, dich vorzuwarnen – darauf hinzuarbeiten. Doch das Werben ist ein Lebensbereich, in dem ich keinerlei Erfahrung habe. Meine Arbeit, meine Erfahrungen – ja, meine Neigungen – haben mir bisher unmöglich gemacht, in dieser Hinsicht praktische Erfahrungen zu sammeln.“ [S. 443]

Für sich alleine stehend, könnte das Wort „Neigungen“ durchaus auch eine simple Umschreibung seines persönlichen Geschmacks bezüglich Frauen darstellen. Für mich bestätigte es jedoch eher einen Verdacht.

Zacharias betrachtet weder Prunella noch eine andere Frau jemals als Lustobjekte, stellt sich niemals ihre Körper vor, sondern fühlt sich zu deren Persönlichkeit hingezogen. Obschon Prunellas Schönheit ihm auffällt, scheint er mehr von ihrer ganzen Art und ihrem Potential beeindruckt zu sein.

Die Betrachtung von Prunella gestaltet sich schwieriger. Sämtliche Gedanken, die sie an eine potentielle Ehe verschwendet, sind rational geprägt; ein Mann für sie mehr oder weniger Mittel zum Zweck. Sie möchte am gesellschaftlichen Leben teilhaben und sieht sich schon als Gründerin einer Schule für Hexen – beides Dinge, die sie nur mit der finanziellen Hilfe eines Ehemannes erreichen kann. Zwar hat sie durchaus einen Sinn für (ästhetische?) Attraktivität, verliert darüber jedoch im Gegensatz zu anderen jungen Frauen ihres Alters nicht den Kopf.

Nicht, dass es sie im Geringsten interessiert hätte, was er dachte. Es war nur ärgerlich, dass sie so derangiert vor einem so einem so gut aussehenden jungen Herrn erschienen war. (Prunella sah jetzt, warum Henrietta Clarissa so leidenschaftlich widersprochen hatte. Eine einfache Abendgesellschaft konnte durchaus genügen, damit sich eine anfällige junge Dame Hals über Kopf in einen so gut aussehenden, melancholischen Herrn wie Mr Wythe verlieben konnte.)
„Das ist aber auch ein Mist mit diesen Speichern!“, sagte sie.
Doch gleich darauf hatte Prunella Mr Wythe wieder vollkommen vergessen, denn ihre eigenen Worte erinnerten sie an den Speicher, den sie aufgeräumt hatte. [S. 81-82]

Keiner von beiden legt darauf Wert, „umworben“ oder „erobert“ zu werden. Zwar benutzt Prunella ihr Aussehen, um ihr Ziel zu erreichen, jedoch tut sie es nicht, weil sie die Aufmerksamkeit selbst genießen würde.

Sie war ein Protegé ganz nach Damerells Geschmack. Prunella eroberte die Ballsäle Londons mit dem skrupellosen Kalkül eines Generals auf dem Schlachtfeld. Innerhalb einer Woche hatte sie die Lady Jerseys und Countess Esterházys dieser Welt, die unter den obersten Zehntausend den größten Einfluss hatten, ausgemacht und sich angeschickt, ihnen zu gefallen. Von den zahlreichen Herren, die wie im Fluge ihr Herz an sie verloren, nahm sie keine Notiz.
„Ich werde in absehbarer Zeit nicht damit aufhören, hübsch und keck zu sein“, konstatierte sie, „also muss ich mir keine Sorgen darüber machen, das Interesse der Gentlemen zu verlieren. Doch bei den Frauen muss ich einen guten Eindruck hinterlassen, denn ihr Zuspruch ist mein Kapital, und wenn sie sich dazu hinreißen lassen, mich nicht zu mögen, bin ich verloren.“ [S. 280-281]

Um nicht im Trüben zu fischen, beschloss ich, die Autorin selbst zu kontaktieren und ihr meine Vermutungen darzulegen.

Mit ihrer Erlaubnis gebe ich an dieser Stelle einen Auszug aus ihrer Antwortmail wider (die holprige Übersetzung von „people across the spectrum of sexual orientations and other axes of identity“ sei mir hoffentlich verziehen):

Was die sexuellen Orientierungen von Zacharias und Prunella angeht, muss ich gestehen, dass es mir während des Schreibens nicht in den Sinn gekommen ist, die beiden als asexuell zu konzipieren. Die Zurückhaltung in Bezug auf sexuelle Dinge im Text, ist im zeitgenössischen Kontext nicht üblich, wie Sie angemerkt haben. Die Ursache dafür liegt eher darin begründet, dass der Roman stark durch das Genre der Regency Romances wie die von Georgette Heyer beeinflusst ist, die aufgrund der Tatsache, dass sie in einer – anscheinend – weniger freizügigen Zeit veröffentlicht wurden, dazu neigten vorzugeben, dass Sex nicht existiert.
Ich bin wirklich erfreut darüber, dass Sie sich mit beiden als potentielle Vertreter*innen des asexuellen Spektrums identifizieren, und denke, eins könnte den Roman tatsächlich so lesen, dass diese Deutung unterstützt wird. Ich stimme mit Ihnen darin überein, dass es für Angehörige von sexuellen und anderen Minderheiten enorm wichtig ist, auf menschliche Weise repräsentiert zu werden. Ich bin dankbar für jeden Beitrag, den „Die Magier Seiner Majestät“ dazu leisten kann, selbst in einer Weise, die nicht beabsichtigt war. (Andererseits gibt es so Einiges, das ein*e Autor*in über das eigene Werk nicht weiß – Vieles darin entstammt dem Unterbewusstsein und so entzieht sich zumindest in meinem Fall stets ein Teil des Schreibens meiner Kontrolle.)

[Auszug aus der Antwortmail vom 09.03.2017 um 23:28 Uhr]

Auch wenn Frau Cho meine Deutung nicht definitiv bestätigt hat, so hat sie sich auch nicht dagegen ausgesprochen und begrüßt diese Interpretation sogar.

Wie denkt ihr darüber?

 

Bis zum nächsten Gedankengang,

Euer Nixblix

 

Zen Cho, Die Magier Seiner Majestät. Knaur 2016. 447 Seiten. ISBN 978-3-426-51914-1.

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6 Gedanken zu „Humor mit ganz eigener Würze: „Die Magier Seiner Majestät“ von Zen Cho.“

  1. Oh, ich seh schon, ich muss das englischsprachige Original ranschaffen.
    Wenn du nicht drüber nachdenkst, können dich deine Figuren bezüglich mancher Dinge durchaus auch mal überraschen. Heilika zum Beispiel war schon ace, bevor ich das Wort für mich verwendet habe. Und mehrfache Lesarten sind immer gut, solange sie nicht böse Absicht sind.

    Gefällt 1 Person

      1. Das ist wahr. Genauso, wie eine Anspielung auf einen Film über meinen Kopf hinweggeht, wenn ich den Film nicht gesehen habe.

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