Rezension

Literarische Halbjahresrückschau, die Erste

Bevor sich wieder so viel anhäuft wie hier, möchte ich von nun an im Halbjahresrhythmus eine Liste der bis dahin von mir gelesenen Romane, Novellen und Anthologien erstellen.

 

Fantasy:

Christian von Aster, Der letzte Schattenschnitzer (Klett-Cotta 2011) 312 Seiten. ISBN 978-3-608-93917-0. Es geht um nicht weniger als das Schicksal der Welt, wie wir sie kennen. Was zunächst nach der hundertfachen Aufwärmung des klassischen Fantasy-Epos klingt, entpuppt sich recht schnell als Geschichte der leisen Töne, als Erzählung über gewöhnliche Menschen, deren Handeln von der Welt unbemerkt bleibt. Und deren Macht in ihren Schatten ruht. Die Wahl des kindlichen Protagonisten trügt: „Der letzte Schattenschnitzer“ malt die Welt in bitteren, traurigen und düsteren Tönen und die Schatten offenbaren Wahrheiten, die die Menschen lieber verborgen sähen.

Peter V. Brett, Der große Basar (Heyne 2010) 212 Seiten. ISBN 978-3-453-52708-9. Zwei sehr unterhaltsame Kurzgeschichten und zwei gestrichene Szenen aus der Welt von „Das Lied der Dunkelheit„. Das der Waschbär gerade liest – offensichtlich mit Begeisterung, denn er fragte bereits nach, ob ich Band zwei ebenfalls besäße. Was ich verneinen musste. Noch.

James Clemens, Das Buch des Sturms (Heyne 2002) 638 Seiten. ISBN 978-3-453-86761-1. Grausam geht es weiter im von Finsternis wie von einem Krebsgeschwür überwucherten Alasea, in der uns der Schmerz einer jeden geplagten Seele trifft, gleich, auf welcher Seite sie auch steht. Im Laufe der Handlung sind Elenas Verbündete gezwungen, sich zu trennen. Neue Verbündete treten auf den Plan – wobei nicht klar ist, wem zu trauen ist -, es gibt ein Wiedersehen mit Elenas entführtem Bruder – und seinem Entführer – und die Gedanken eines der fürchterlichsten Diener des Dunkels offenbaren so viel: Es gibt einen Verräter wider Willen in den Reihen von Elenas Verbündeten, denn jemand wurde vom Dunkel infiziert. Ich ahne, wen es traf, aber ich bin gespannt auf die Auflösung in einem der folgenden drei Bände.

Carmilla DeWinter, Jinntöchter. K_ein orientalisches Märchen (Edition Roter Drache 2017) 334 Seiten. ISBN 978-3-946425-41-0. Gekonnt gewebt, dieser farbenprächtige Erzählteppich. Die Autorin hat nicht bloß ein weiteres Ace versteckt, sondern versteht es, Einblicke in vier sehr unterschiedliche Kulturen zu geben, deren eine ein durchaus realistisches Bild eines Matriarchats zeichnet – und sicher nicht das, das von feministischer Seite gerne entworfen wird. Eine Rezension ist angedacht.

 

Anthologien:

Christian von Aster (Hrsg.), Die Baker Street Artefakte. Spektakuläre Entdeckungen in einem Saarbrücker Hinterzimmermuseum (Feder und Schwert 2015) 242 Seiten. ISBN 978-3-86762-249-3. Die 16 Kriminal- und Horrorgeschichten entspinnen sich um eine Auswahl von Ausstellungsstücken aus der Sammlung des Globetrotters Heinz Rox-Schulz (1921-2004), die in den Vitrinen eines zum Verweilen einladenden saarländischen Criminal Tearoom und Pub zu bewundern sind. Besonders schaurig wird es, wenn das Grauen im Kopf stattfindet und nicht auf dem Papier, wie in Silke Lindenbergers „Hokus Pokus„, wenn es keine Erklärung gibt, wie in Oliver Grautes „Das Lied in der Stille“ (ich fühlte mich an Edgar Allen Poe erinnert), oder kein Entrinnen, wie in Sandra Baumgärtners „Des Dämons Spielzeug“ oder in Mark Schneiders „Rusalka. Eine Herbstromanze„.

Christian von Aster (Hrsg.), Boschs Vermächtnis. Geschichten aus dem Garten der Lüste (Edition Roter Drache 2018) 430 Seiten. ISBN 978-3-946425-40-3. Skurril, schaurig, sinnlich, grausam, beängstigend, licht und düster in einem. Das beschreibt nicht nur recht gut die insgesamt 32 Kurzgeschichten dieser im Hardcover erschienenen Anthologie,  sondern ebenso die Vorlage, das Triptychon „Der Garten der Lüste„, aus dessen geradezu unerschöpflichen Details sich die Autor*innen bedienten. Köstlich amüsiert hat mich Sonja Rüthers „Spannerhase„; einen reichlich verstörenden Eindruck hinterließen des Herausgebers „Die Krüppel von Burgos„, Tom Dauts „Flügel“ oder auch Ju Hornischs „Der Besondere„. Voll sinnlich-ästhetischer Faszination tauchte ich ein in Alex Jahnkes „Zweifel„, Norman Liebolds „Azurit“ und Anja Bagus´ „Fliegenfische„. Bedrückend nahe rückten mir die Ängste kritischer Geister in einer gefährlichen Zeit in Juliane Uhls Brieferzählung „Die Muse des Meisters“ und Christoph Marzis Fabel „Elefant und Affe„. „Der wilde Hannes“ von Boris Koch belehrt uns darüber, nicht zu vorschnell zu urteilen. Wie wenig der Mensch doch gereift ist in den vergangenen Jahrhunderten, illustriert „Die Feder der Simurgh“ von Michael Schweßinger. Und zu guter Letzt kann ich für so manchen Menschen auf dieser Welt nur hoffen, dass niemand auf die Idee kommt, David Grays „Damenwahl“ zu treffen … Wenn diese auch nicht unverdient getroffen wurde … Gerüchteweise sollen der Lektorin über diesem Mammutprojekt graue Haare gewachsen sein.

Isa Theobald (Hrsg.), 19 Geschichten aus dem Dazwischen (Edition Roter Drache 2018) 199 Seiten. ISBN 978-3-946425-39-7. Breit gefächert tritt die Autorin in ihren 19 Kurzgeschichten auf – von der herzerwärmenden Kindergeschichte („Ohana„) über Ausflüge in den Stil Noir („Blutende Herzen„) bis hin zum Tentakel-Porno mit Düsternis verheißendem Ende („Rodeo R´lyeh Riot„) ist alles dabei. Kalt lassen Isa Theobalds Erzählungen dabei nicht, sondern lassen eins oft mit Schaudern zurück. Am nachhaltigsten berührt haben mich „Old Friend“ und „Des Teufels Nachtigall„.

 

Historisches:

Gabrielle C. J. Couillez, Die Rückkehr der Störche. Die bewegte Jugend des Georg Wilhelm Schimper (Waldkirch 2017) 347 Seiten. ISBN 978-3-86476-096-9. Ein fesselndes Werk, das in die Gedankenwelt des in seinen familiären und beruflichen Pflichten schier erstickenden Protagonisten entführt und uns an seiner verzweifelten Suche nach persönlichem Glück teilhaben lässt. Darüber hinaus ein aufschlussreicher Einblick in Sitten und Gesetze des Flickenteppichs, aus dem später Deutschland hervorgehen sollte. Ich freue mich bereits auf den zweiten Band der Reihe.

Jamila Gavin, Der Ozean des Mondes (Ravensburger 2005) 413 Seiten. ISBN 978-3-473-34447-5. Jugendbuch. Die in meiner ersten Literarischen Rückschau notierten Gedanken dazu möchte ich noch um einen Vermerk des Befremdens ob der zunehmend fast schon absurd-fantastischen Elemente dieser Geschichte ergänzen.

Hans Joachim Schädlich, Narrenleben (Rowolt 2016) 171 Seiten. ISBN 978-3-499-26680-5. Interessante Mischung aus historischen Daten und Lebensbildern des 17. Jahrhunderts. Greif- und schmerzhaft fühlbar ist der Ständeunterschied, wenn es um das Zugeständnis würde- und respektvoller Behandlung geht – oder eben das Fehlen eines solchen.

Ari TUR, König der vier Weltgegenden – Der Pferdedämon (Print on Demand/Eigenverlag 2017) 371 Seiten. ISBN 978-3-74601-584-2. Hin und wieder krankt dieser zweite Band der Reihe an Perspektivfehlern, die häufig der besseren Darstellung von Kulturen und Epoche dienen sollen. Das Zweistromland des 13. Jahrhunderts v. Chr. ist jedoch von der Lebenswirklichkeit des Autors so weit weg, dass häufig der Eindruck entsteht, als handelten weniger Personen, sondern vielmehr Rollen, was zur Folge hat, dass Handlungsweise und -motivation der Charaktere oft schwer nachvollziehbar sind. Hier wurde eindeutig der Handlungsentwicklung Priorität vor der Figurenentwicklung eingeräumt.

 

Zeitgenössisches:

Christian von Aster, Der Orkfresser (Klett-Cotta 2018) 352 Seiten. ISBN 978-3-608-98121-6. Meine überschwängliche Rezension findet ihr an dieser Stelle.

Christine Féret-Fleury, Das Mädchen, das in der Metro las (DuMont 2018) 172 Seiten. ISBN 978-3-8321-9886-2. Mein Geburtstagsgeschenk für den ganz besonderen Menschen, der mein Seelenbruder ist. Eigentlich wollte ich nur kurz reinschnuppern, ehe ich es ihm per Post zukommen lasse, aber dann kam ein Krankenhausaufenthalt dazwischen und ich habe es dreisterweise bis zum Ende gelesen und plane eine Rezension. Eine berührende Geschichte über die Macht der Bücher und die Kraft, das eigene Leben zu gestalten. Ausufernd rezensiert.

Wally Lamb, Die Musik der Wale (ECON 1998) 571 Seiten. ISBN 10: 3-612-27512-7; ISBN 13: 978-3-5486-0099-4. Meine Krankenhauslektüre, die ich binnen eines Tages bis Seite 267 gelesen habe. Ich habe fest vor, das Werk zu Ende zu lesen, sobald es mir erneut in die Hände fällt, obwohl mich die auf den Seiten 130-140 geschilderte Szene aufs Übelste getriggert hat. Dolores Price erscheint mir in vielerlei Hinsicht wie eine verwandte Seele; sie fühlt sich fremd und ausgegrenzt und lernt nur zu bald den Selbsthass kennen. Ich möchte sie weiter begleiten und erleben, wie sie bei sich selbst ankommt.

Bernhard Lassahn, Land mit lila Kühen (Diogenes 1981) 270 Seiten. ISBN 10: 3-257-01619-0; ISBN 13: 978-3257210958. Ebenfalls im Krankenhaus angelesen. Der Protagonist begibt sich auf eine Reise durch die damalige Bundesrepublik, wobei die einzelnen Stationen und Begebenheiten nur lose aneinandergereiht sind und gut und gerne für sich stehen können. In die Erzählungen der Rahmenhandlung sind Parabeln mit märchenhaftem Charakter eingebettet. Einen Einblick erhaltet ihr auf der Seite des Autors.

Eugen Ruge, In Zeiten des abnehmenden Lichts (Rowohlt 2011) 426 Seiten. ISBN 978-3-499-25412-3. Auch zu diesem preisgekrönten Werk, mit dem ich knapp drei Tage lang so etwas wie eine Symbiose einging, ist eine Rezension in Arbeit.

Deniz Utlu, Die Ungehaltenen (List 2015) 234 Seiten. ISBN 978-3-548-61269-0. Wie aus Antriebslosigkeit Hoffnung erwächst und wie eine Reise die Seele eröffnen kann. Die Erlebnisse von Elyas und Aylin vermittelt recht eindrucksvoll und nachvollziehbar, wie es sich anfühlt, weder in der Wahlheimat der Eltern noch in deren Herkunftsland wirklich zu Hause, zugehörig und angenommen zu sein. Ihr bald schon gemeinsam beschrittener Weg ist dementsprechend ein ganz eigener.

Edgar Wallace, Der leuchtende Schlüssel (Wilhelm Goldmann Verlag 1956) 178 Seiten. Noch ohne ISBN, die erst 1966 von einem britischen Verlagshaus als Standardbuchnummer und als Internationale Standardbuchnummer von der Internationalen Organisation für Normung 1968 oder 1972 eingeführt worden war. Ich kann den farblosen Charakteren wenig abgewinnen. Einzig der alte Lyne sticht aus der Masse heraus – dabei ist er nicht einmal sympathisch, im Gegenteil. Die Handlungsentwicklung steht hier eindeutig im Vordergrund.

Mary Westmacott, Verdrängter Verdacht (Heyne 1988) 252 Seiten. ISBN 10: 3-453-02540-7; ISBN 13: 978-3-453-02540-0. Ein mitreißender psychologischer Roman aus der Feder Agatha Christies, die unter dem Pseudonym Mary Westmacott Geschichten publizierte, die nicht dem Krimi-Genre angehörten. Ihrer Tochter zufolge innerhalb von drei Tagen verfasst. Es geht um die vermeintlich simple Frage, was eins tun würde, hätte eins aufgrund äußerer Umstände einige Tage lang Zeit, über das eigene Leben und sich selbst nachzudenken. Eine Rezension ist geplant.

 

♠♠♠♠

Und ganz im Sinne des Klappentextes zu dem letztgenannten Werk frage ich euch abschließend:

Welches Buch wird euer Leben verändern?

Welche Werke haben euch im vergangenen Jahr begeistert? Was hat euch weniger überzeugt?

Bis zum nächsten Mal,

Euer Nixblix.

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4 Gedanken zu „Literarische Halbjahresrückschau, die Erste“

  1. Verehrte Kollegin, meine Liste mit Büchern kommt erst am Ende vom Jahr, da ich sehr viel langsamer bin (mir kommt irgendwie immer meine Portion Fanfic dazwischen – ich brauch halt irgendwie Avengers-Melodrama). Ansonsten werde ich zu „Feministisch Streiten“ noch einige Gedanken äußern, die Post-Its an den Stellen des Nachdenkens kleben und harren meiner Blogwilligkeit.

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