Poetische Aufarbeitung

Standing tall*

Derzeit arbeite ich an der Rezension zu Christine Féret-Fleurys „Das Mädchen, das in der Metro las„. Allerdings muss euer wertes Nixblix euch bis zum vierten April vertrösten. Denn obwohl die Rezension so gut wie fertig ist, möchte ich sie mir als kleines Geburtstagsgeschenk selbst machen.

Der Roman geht allerdings auf einen Aspekt ein, den ich im Rahmen der Rezension nicht behandeln werde: Selbstermächtigung durch eine optimistische Grundeinstellung. Durch die Fähigkeit, in allem einen Sinn zu sehen. Niemals aufzugeben, sondern weiterzukämpfen.

Allen Widrigkeiten zum Trotz.

An einer Stelle in Christine Féret-Fleurys bewegendem Roman beobachten wir ihre Protagonistin Juliette dabei, wie sie in Maya AngelousLetter To My Daughter“ liest:

In diesem Augenblick hatte Juliette zufällig einen Finger zwischen zwei Seiten geschoben, und sie las:
Ich / bin eine schwarze Frau / hoch wie eine Zypresse / stark / unbeschreiblich ruhig / Ort / und Zeit / und Umständen trotzend / umtost / unverwundbar / unzerstörbar
Weiter war sie nicht gekommen. Abends, auf dem Wohnzimmersofa, auf das Firouzeh für sie ein paar Kissen und eine warme Steppdecke bereitgelegt hatte, holte sie das Büchlein wieder hervor. Das Gedicht stammte nicht von der Buchautorin selbst, es war von Mari Evans – sie forschte im Internet nach, wer das war, kniff die Augen zusammen und vergrößerte dann die Seite, die sich auf ihrem Smartphone geöffnet hatte -, 1923 in Ohio geboren; ihr Gedicht I Am A Black Woman war für viele Afro-Amerikanerinnen so etwas wie ein Aufruf gewesen, sich zusammenzuschließen, Maya Angelou eingeschlossen. Letztere setzte sich ihr Leben lang für die Rechte von schwarzen Frauen ein. Michelle Obama sagte einmal, sie habe es Maya Angelou und der Kraft ihrer Worte zu verdanken, dass sie, ein kleines schwarzes Mädchen aus einem Armenviertel von Chicago, bis ins Weiße Haus gelangt sei.
In ihrem Buch zitierte die Schriftstellerin dieses Gedicht als Beispiel dafür, wie Lebensfreude jeder Erniedrigung trotzt.
Schau / mich an und fühl dich / wie erneuert
Christine Féret-Fleury, Das Mädchen, das in der Metro las, S. 147-148.

Diese letzte Strophe eines Gedichtes von Mari Evans (1923-2017) drückt ein Lebensgefühl aus, das, um eine gute Freundin zu zitieren, die einige Jahre in Australien zugebracht hat, vielen Deutschen abgehe. Während ihr zufolge hierzulande der Umgang mit dem eigenen Leid und dem Leid anderer ein ungesunder sei, sei die australische Mentalität im Schnitt deutlich optimistischer.

Diese Aussage trifft selbstverständlich nicht auf alle zu, aber Beobachtungen in meinem Umfeld und eigene Erfahrungen bestätigen sie zumindest in vielen Fällen. Von Kindesbeinen an werden wir hierzulande angehalten, bloß nicht so viel zu jammern. Beständig werden wir daran erinnert, dass es anderen viel schlimmer gehe als uns. Oder, noch schlimmer, dass wir an unserem Leid selbst Schuld tragen würden. Hätten wir uns anders verhalten, uns für einen anderen Weg entschieden, auf unsere Eltern gehört, etc. etc. blablabla. In der Folge lernen wir nur schlecht, mit negativen Erfahrungen umzugehen.

In Australien dagegen finde ein positiverer Umgang mit Schmerz und Leid statt. Dort hieße es statt „Stell dich nicht so an!“ schlicht „Don´t worry. It´ll be better.

Im Moment mag es dir beschissen gehen. Aber diese Phase ist irgendwann vorüber und danach wird es dir besser gehen.

Das ermutigt Menschen, sich ihrem Schmerz zu stellen, ihn auszuhalten. Weil sie zuversichtlich sind, dass der Schmerz irgendwann vergeht. Dass das Leben weitergeht.

Um ihre Aussage zu unterstreichen, lud mich besagte Freundin dazu ein, mir einmal The Sapphires anzusehen. Dieser australische Film erzählt die Geschichte einer Band, die aus vier Aborigines besteht und der es gelingt, vor den Truppen in Vietnam aufzutreten [1]. Ihr weißer Manager rät ihnen davon ab, Country und Western zu singen, und sich stattdessen auf Soul zu verlegen. Die Begründung dafür ist einfach – und ein hervorragendes Beispiel dafür, was diesen Film so stark macht:

Country and western music is about loss. Soul music is also about loss. But the difference is in country and western music they´ve lost, they´ve given up, they´re just at home whining about it. In soul music they´re struggling to get it back and haven´t given up. Every note that passes through your lips should have the tone of a woman who´s grasping and fighting and desperate to retrieve what´s been taken from her.
In der Country- und Western-Musik geht es um Verlust. Im Soul geht es ebenso um Verlust. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Während die einen verloren und aufgegeben haben und sich zu Hause die Augen ausheulen, kämpfen die anderen darum, zurückzubekommen, was sie verloren haben, und haben nicht aufgegeben. Jeder Ton, der über eure Lippen kommt, sollte den Klang einer Frau haben, die verzweifelt an dem festhält und um das kämpft, was ihr genommen wurde.
Zitat aus: The Sapphires (2012). – [Eigene Übersetzung].

Die Botschaft ist deutlich: Lass dich nicht unterkriegen. Gib dich nicht auf. Geh deinen Weg. Völlig egal, wie übel das Leben dir gerade mitspielt. Morgen beginnt ein neuer Tag. Und den begrüßt du mit erhobenem Haupt. Denn solange du am Leben bist, gibt es Hoffnung für dich. Und solange du kämpfst, solange du nicht aufgibst, bist du noch am Leben.

Diese Einstellung ist auch dem Gedicht „I am a black woman“ zu eigen. Es ist eine Erzählung von Schmerz und Verlust. Aber auch eine Erzählung vom Überleben.

She presents the essence of survival and imperviousness to the reader: look on what the past has done, and take heart; allow hope to fill your heart.
Sie zeigt den Lesenden das Wesen von Überleben und Widerstandskraft: sieh, was die Vergangenheit angerichtet hat und schöpfe Mut; erlaube der Hoffnung, dein Herz zu erfüllen.
Quelle: https://www.enotes.com/homework-help/what-tone-mari-evans-used-am-black-woman-251951. – [Eigene Übersetzung.]

Um zu dieser Einstellung zu gelangen, kann es hilfreich sein, sich die Erfahrungen anderer vor Augen zu führen, die am Boden lagen und wieder aufgestanden sind, wo andere am Boden geblieben wären. Menschen wie die Original-Sapphires (Laurel Robinson, Lois Peeler, Beverley Briggs und Naomi Mayers), Menschen wie Teal Swan, Mari Evans, Nadia Murad und viele andere. Sie erzählen ihre Geschichten.

Diese Geschichten zu hören und zu sehen, sie auszuhalten, ist nicht einfach. Es verlangt einem Menschen viel ab. Aber sie lehren uns aufzustehen. Weiterzukämpfen, wenn alle Hoffnung verloren scheint. Eine der großartigsten Roman-Figuren aller Zeiten hat es in der Verfilmung folgendermaßen ausgedrückt:

„Das ist wie in den großen Geschichten, Herr Frodo, in denen, die wirklich wichtig waren. Voller Dunkelheit und Gefahren waren sie. Und manchmal wollte man das Ende gar nicht wissen, denn wie könnte so eine Geschichte gut ausgehen? Wie könnte die Welt wieder so wie vorher werden, wenn so viel Schlimmes passiert ist? Aber letzten Endes geht auch er vorüber, dieser Schatten. Selbst die Dunkelheit muss weichen. Ein neuer Tag wird kommen und wenn die Sonne scheint, wird sie umso heller scheinen. Das waren die Geschichten, die einem im Gedächtnis bleiben, selbst, wenn man noch zu klein war, um sie zu verstehen. Aber ich glaube, Herr Frodo, ich versteh‘ jetzt. Ich weiß jetzt: Die Leute in diesen Geschichten hatten stets die Gelegenheit umzukehren, nur taten sie’s nicht. Sie gingen weiter, weil sie an irgendetwas geglaubt haben! Es gibt etwas Gutes in dieser Welt, Herr Frodo, und dafür lohnt es sich zu kämpfen.“
Zitat aus: Herr der Ringe – Die zwei Türme (2002).

Menschen, die nicht wegschauen, nicht weghören, Menschen, die weitergehen, werden an dieser Erfahrung reifen. Sie werden die Kraft begreifen, die drei einfachen Worten innewohnen kann:

We will rebuild
Wir werden das Zerstörte wieder aufbauen.
Quelle: http://kentakepage.com/when-you-have-emptied-our-calabashes-by-iyamide-hazeley/. – [Eigene Übersetzung.]

Das dazugehörige Gedicht: Seht!

Und einmal in der Dunkelziffer-Edition.

♠♠♠

Empfohlene Lektüre:

Christine Féret-Fleury, Das Mädchen, das in der Metro las (DuMont 2018) 172 Seiten. ISBN 978-3-8321-9886-2.

Mari Evans, I Am A Black Woman (1970). ISBN 978-0-863163142.

Teal Swan, Befreie dich durch Selbstliebe (KOHA-Verlag 2015). 316 Seiten. ISBN 978-3-86728-297-0.

Empfohlene Filme:

The Sapphires (2012).

The Greatest Showman (2018).

♠♠♠

* Mit der Überschrift verneige ich mich im Übrigen vor der Person, die den gleichnamigen Song aus der sehenswerten ZDF-Serie „Ku´damm ´59“ geschrieben hat.

[1] Der Film spielt 1968. Zentrale Themen sind der Kampf um rechtliche und gesellschaftliche Anerkennung sowie das Recht auf die eigene Geschichte und eigene Wurzeln. Es handelt sich um eine Aufarbeitung des kulturellen Traumas, das durch die Entführung unzähliger, vor allem hellhäutiger Aborigines-Kinder (die sogenannten Stolen Generations) zum Zweck ihrer Erziehung durch Weiße verursacht wurde. Diese wurde sehr geschickt mit dem Freiheitskampf der Schwarzen in den USA bis zur Ermordung Martin Luther Kings am 4. April 1968 verknüpft.

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3 Gedanken zu „Standing tall*“

  1. Ja, einerseits soll eins sich nicht so anstellen, wenn’s ehrlich schlecht geht, oder eins „muss jetzt stark sein“. Andererseits gehört es zum guten Ton, rumzunölen, weil Steuern, Geschwindigkeitsbegrenzung, Zipperlein, Zukunft etc. (German angst heißt das dann wohl nicht von ungefähr.) — Menschen sind verflucht widersprüchlich. — Aber es ist wahr: Die echten Probleme wollen viele nicht hören und auch lieber nicht sehen. Und damit lernen sie auch nicht, damit umzugehen oder sinnvoll Trost zu spenden. Weder bei eigenem noch bei fremdem Leid. (Ich nehme mich da nicht aus. Es gibt weiße Flecken auf der Landkarte, die ich gerne umschiffe. Aber ich hoffe, dass ich gelernt habe, Leuten zu sagen, dass es okay ist, sich auch mal mies zu fühlen. It gets better. Irgendwann. Mit Mut und Zuversicht.)
    Aber wenn ich so dran denke, wie das Aufarbeiten der Nazizeit (verspätet) funktioniert: Aufstehen und schaffen, bis alles wieder aufgebaut ist, reicht manchmal nicht, du brauchst auch die weisen alten Frauen, die den Babys in den Mund spucken, damit sie sich erinnern. (Um das Gedicht von Iyamide Hazaley zu paraphrasieren.)

    Gefällt 1 Person

    1. Es braucht eine Erinnerungskultur, die keine Klage- und Jammerkultur ist, sondern uns vor Augen führt, was wir hinter uns haben. Ist die Vergangenheit nicht bewusst, kann sie uns nichts lehren. Die Vergangenheit kann uns einen Ansporn geben, für die Zukunft zu kämpfen.

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