Kurzgeschichten

„An meinen werten Erzeuger“ – Teil 1

-X-

26. 09. 1357.

Mondetag.

Ungewöhnlich war der Brief schon.

Dennoch dachte sich Runna Hartinger zunächst nichts dabei, dass sein Nachname fehlte. Den hatte er sich nämlich erst angeeignet, nachdem er seiner Heimat den Rücken kehrte. Weil es bei den Säugern eher unüblich war, sich außerhalb des familiären oder freundschaftlichen Rahmens mit Vornamen anzusprechen. Umgangsformen, die der Absenderin des Briefes sicher so fremd waren wie Runna zu Beginn, handelte es sich dem Namen nach doch zweifelsfrei um eine Lizari. Razzi.

Ein Weibchen, das überraschenderweise nicht nur um seine Anstellung an der Akademie von Althena wusste und seine Anschrift kannte, sondern sogar zu wissen schien, welchen Zweck eine solche hatte.

Unkonventionell, in der Tat.

Auf dem Weg zu seinem Büro kratzte er sich mehrmals in Gedanken über seine schuppige Schnauze. Dort angekommen, legte er den Brief auf seinem Schreibtisch ab, verschwand hinter dem Wandschirm, der den privaten hinteren Bereich von dem vorderen Arbeitsbereich trennte, und entledigte sich seines Überwurfs. Nach kurzem Überlegen hastete er zur Tür, sperrte sie ab und begab sich erneut zu seinem Liegesofa hinter dem Wandschirm. Dort warf er seine Robe ebenfalls von sich. Diese Tracht fühlte sich so viel natürlicher an, allerdings bestand der Direktor auf das Tragen zumindest einer Robe. Nicht, dass es einen Unterschied machte, schließlich trugen Lizaro ihre Geschlechtsteile nicht außen wie Säuger. Dennoch hatte Runna sich gefügt, weil Kleidung zwar unüblich war, aber den Gesetzen seines Volkes nicht zuwiderlief. Zwar bedeutete es, dass er ein weiteres Stück seiner eigenen Kultur abgeben musste, an der er umso beharrlicher festhielt, je weiter er sich vom Sitz des Hohen Rates entfernte … Aber wer war er schon?

Regeln waren nun einmal Regeln. Regeln boten einen Rahmen. Ein Rahmen bot Halt. Halt in einer Welt, die nicht die seine war. Nie zur Gänze sein würde.

Häufig waren es Kleinigkeiten.

Wie neulich, als ihn diese äußerst reizende Alba ihn nach anfänglich recht deutlich schmeckbarem Interesse bitter enttäuscht stehen ließ, weil sie ihn anfangs irrtümlicherweise aufgrund der Namensendung für ein Weibchen gehalten hatte. Bei der Erinnerung an diesen Abend schüttelte Runna den Kopf. Ihm wäre das Geschlecht reichlich egal gewesen.

Bis zu seiner Verabredung mit Mahus blieb noch genügend Zeit, sich der sonderbaren Post zu widmen. Runna nahm den Brief vom Schreibtisch, schmiegte grinsend seine Schuppen ins samtige Polster eines Sessels und öffnete den Umschlag mit einer seiner langen Krallen.

„Nun kommt des Rätsels Lösung“, summte er vor sich hin.

»An meinen werten Erzeuger«

Auf die Anrede war er nicht gefasst gewesen. Natürlich war es Jungechsen nicht verboten, Kontakt zu jenen aufzunehmen, die das Gelege ausgebrütet hatten. Wie aber kam seine eigene Brut dazu, ausgerechnet ihm zu schreiben? Ihm, dem Ausgewanderten, dem Exoten unter seinen eigenen Leuten?

Und warum diese Ansprache? Warum nicht mein Name? Frechheit!

»Ich wende mich in höchster Not an dich. In Kürze jährt sich der Tag meines Schlüpfens zum neunzehnten Mal. Meine Misere begann vor drei Jahren, als die ersten aus meinem Gelege ihre erste Paarung vollzogen. Weil ich nicht von mir aus ein Männchen erwählte, trat der Hohe Rat an mich heran und gemahnte mich an meine Pflicht unserem Volk gegenüber. Ich erbat Bedenkzeit. Nun sind beinahe drei Jahre vergangen und das Drängen des Hohen Rates wird immer unerbittlicher. Ich weiß mir nicht mehr zu helfen. Denn ich kann und will mich nicht paaren. Der bloße Gedanke daran ist mir zuwider. In meiner Verzweiflung habe ich jene ausfindig gemacht, die mein Gelege austrug. Unfähig, mir zu helfen, riet Tsari mir, mich an dich zu wenden. Sie erzählte mir, dich habe es schon früh in die Welt gezogen und du hieltest nicht viel von unseren Traditionen. Sie versprach, mich nicht an den Hohen Rat zu verraten, wenn es meine Absicht sei, zu fliehen. In Kürze werde ich in Althena eintreffen, um mit dir zu reden. Meine Hoffnung ruht in dir, Runna. Ich bitte dich, hilf mir.

Hochachtungsvoll,

Razzi.«

Minutenlang starrte er auf das Pergament und die Worte fraßen sich in sein Hirn. Die Krallen seiner freien Hand hatte er im Polster seines Sessels versenkt.

Tsari, wie konntest du nur?

Wie von einer Natter gebissen sprang er auf, begab sich zu dem niedrigen Schränkchen in der Zimmerecke und entnahm diesem ein Glas und eine schwarze Flasche. Die hatte ihm einer seiner Bettgenossen neulich mitgebracht. Der Schnaps darin brannte in seiner Kehle.

Nur dieses eine Glas, beschloss er. Mahus setzt mich vor die Tür, wenn ich betrunken bei ihm ankomme.

Auch wenn Runna in diesem Augenblick nichts lieber gewesen wäre, als sich dem Rausch zu ergeben.

 

Fortsetzung folgt …
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