Kurzgeschichten

„An meinen werten Erzeuger“ – Teil 2

-X-

26. 09. 1357.

Mondetag.

 

Als Runna sich Stunden später auf den Weg zu seinem Kollegen begab, knirschte er noch immer mit den Zähnen. Um die Zeit zu überbrücken und das Brodeln in seinem Innern ein wenig abzumildern, hatte er Sebasta Norwics neuesten Bericht über die Frostigen Zähne im äußersten Westen von Tyra zur Hand genommen, nur um irgendwann festzustellen, dass die Buchstaben vor seinen Augen ineinanderliefen und tanzten.

»Sie erzählte mir, dich habe es schon früh in die Welt gezogen und du hieltest nicht viel von unseren Traditionen.«

Lüge!, zischte es in seinem Verstand. In die Sümpfe mit dir, Tzari! Wie konntest du ihr diese Lüge auftischen?

Völlig außer Atem erreichte er das außerhalb der Stadtmauern von Althena gelegene Mietshaus, in dem sein Freund wohnte. Vor der roten Haustür hielt er kurz inne, umklammerte mit einer Hand das Geländer und holte tief Luft. Ihm war nicht aufgefallen, dass er derart schnell unterwegs gewesen war. Als seine Atmung sich beruhigt hatte, machte er sich daran, die Stufen hinauf ins erste Obergeschoss zu erklimmen. An der linken Wohnungstür, der einzigen ohne schmückendes Beiwerk, klopfte er vernehmlich.

Das Klicken, das nach einer Weile zu hören war, verkündete, dass Mahus neben dem Schutzsiegel gegen Einbrecher auch den damit verknüpften Fluch gegen Lauscher aufgehoben hatte. Ein einziges Mal war Runna diesem zum Opfer gefallen. Wie hieß es so schön: Neugier ist der Katze Tod? Die Eiterbeulen hatten sich allerdings gelohnt, denn damals hatte sich sogar der finstere Hexer ein Lächeln nicht verkneifen können.

Die katzenhaften gelben Augen ebenjenes Hexers blickten Runna aus einem dunkelblauen, schmalen Gesicht entgegen, das von schwarzen Haaren gerahmt war. Mahus Nactan bat ihn in sein Wohn- und Arbeitszimmer, schloss und versiegelte die Tür hinter ihm.

Wortlos nahm Runna auf dem Sessel Platz, statt darauf zu warten, dass Mahus ihm anbot sich zu setzen. Der quittierte dies lediglich mit einer hochgezogenen Augenbraue.

„Kann ich eine Tasse Tee haben?“, fragte der Lizara mit mahlenden Kiefern.

Höflichkeit war heute nicht seine Stärke. Sein Freund beließ es dabei und begab sich in die Küche, aus der er nach kurzer Zeit mit zwei dampfenden Tassen zurückkehrte. Ein kurzes Züngeln ließ Runna Kamille schmecken. Genau das Richtige.

Mahus setzte sich ihm gegenüber auf den Schreibtischstuhl. Seine Miene verriet nichts, aber Runna ahnte, dass der Hexer seine Aufgebrachtheit spüren musste. Schweigend starrten sie einander an.

Bis Mahus fragte: „Hat Lira es dir schon erzählt?“

„Nein“, entgegnete er nach einem tiefen Schluck, bei dem er sich beinahe die Zunge verbrühte, „was soll sie mir erzählt haben?“

„Sie hat vor, unser Kollegium zu bereichern.“

Großartige Neuigkeiten. Eigentlich.

Zudem sollte Runna es als Auszeichnung betrachten, dass Mahus ihm gegenüber unumwunden zugab, sich mit diesem Ausbund an Wissbegierde und Ehrgeiz auch außerhalb des Unterrichts zu unterhalten. Eigentlich.

Doch die Lektüre des Briefes vergällte ihm sogar diesen Vertrauensbeweis.

„Hat sie sich dir gegenüber schon über die Fächer ausgelassen, die sie später unterrichten will?“, erkundigte sich der Lizara mit rauer Stimme.

„Ihr schwebt unter anderem Geschichte vor“, unterrichtete sein Freund ihn mit scheinbarer Teilnahmslosigkeit. Die Wärme in seiner Stimme verriet ihn.

Geschichte. Runna könnte Lira als Mentor zugeteilt werden. Mahus hatte ihm soeben, neben Liras Begeisterung für die Zweikronlande, einen weiteren Grund geliefert, sie am Ende des Schuljahres zu seiner geplanten Reise in die Frostigen Zähne einzuladen. Jene Reise, auf die er sich vorhin mental hatte einstimmen wollen. Ein Anlass zur Freude, aber seine Stimmung hellte einfach nicht auf.

Stattdessen verfestigte sich der Ärger in seinem Magen zu einem Kloß, der ihm die Kehle zudrückte und ihn daran hinderte, Mahus um Rat zu fragen. Dabei hätte von allen seinen möglichen Ansprechpartnern gerade Mahus eine Meinung zu diesem vermaledeiten Brief.

Sie verfielen in peinliches Schweigen. Ab und an unternahm ausgerechnet Mahus einige fruchtlose Versuche, eine Unterhaltung in Gang zu halten. Runna jedoch konnte kaum einen klaren Gedanken fassen und dementsprechend einsilbig fielen seine Erwiderungen denn auch aus.

Runna fand keinen Anfang. Gleich, auf welche Weise er seinem Freund davon zu erzählen gedachte, er würde ihm in jedem Fall zu nahe treten. Seine Worte würden zu bitter ausfallen.

Mahus nahm ihn genauer in Augenschein, schien jede seiner Regungen zu studieren.

Du weißt genau, dass mir etwas auf der Seele brennt, erkannte Runna. Warum fragst du nicht danach? Und warum kann ich nicht einfach den Mund aufmachen?

Er hielt es keine Stunde bei Mahus aus. In seinem Magen wurde der vor Hitze wallende Brocken immer schwerer, während er das Mietshaus verließ und zur Akademie zurückkehrte.

Dort erwartete ihn eine Überraschung.

 

Fortsetzung folgt …
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