Kurzgeschichten

„An meinen werten Erzeuger“ – Teil 3

-X-

26. 09. 1357.

Mondetag.

 

In der Dämmerung konnte Runna zunächst nur die Silhouette einer recht großen Person ausmachen, die vor dem Portal des Schulgebäudes stand und auf etwas … oder jemanden … zu warten schien. Erst im Näherkommen erkannte er den kahlen Schädel und die lange Schnauze einer Angehörigen seines Volkes. Dem Geschmack nach war es unverkennbar ein Weibchen. Nicht irgendein Weibchen.

Was tut sie hier?

»In Kürze werde ich in Althena eintreffen, um mit dir zu reden.«

Die Sümpfe mögen sie verschlucken!

Glutheiß loderte der Zorn in ihm auf, als er vor ihr zum Stehen kam und seine Siebtgeschlüpfte musterte. Außer einer mehrreihigen Kette aus glattpolierten Muschelschalen und einem Fußring aus Stachelaustern trug sie nichts.

Welch bizarre Parodie! Sie, die ihre Traditionen mit Füßen trat, in Tracht, und er in feinster weißer Seide, die seinen gesamten Körper bedeckte. Er, dem die Traditionen heilig waren. Er, der alles tat, um das einzige, das ihn an seine Heimat erinnerte, nicht zur Gänze zu verlieren. Zu behaupten, er hielte nicht viel von Traditionen!

Bei den fauligen Ausdünstungen der Sümpfe, Tzari, wie konntest du ihr nur solchen Unsinn auftischen?

„Du musst Razzi sein“, sagte er und bemühte sich, ruhig zu klingen.

„Und du Runna.“ Sie sprach sehr leise, aber mit fester Stimme. „Du hast also meinen Brief erhalten.“

Woher sonst wüsste ich wohl deinen Namen?!

Er reckte den Kopf und riss zischend das Maul auf. Razzis Kinn zuckte und Runna fiel auf, dass sie sich dazu zwingen musste, nicht zurückzuweichen.

„Was erwartest du von mir?“, fragte er.

Ihre Schnauze öffnete und schloss sich wieder. Was auch immer sie hatte sagen wollen, wurde von ihr heruntergeschluckt. Ihr Blick wanderte zu Boden. Schon schob sich Runna an ihr vorbei, um diesen Mummenschanz zu beenden, als sie zum Sprechen anhob.

„Tzari …“

„… hat dich angelogen“, erwiderte er, ohne sich nach ihr umzudrehen. „Zu behaupten, ich hielte unsere Traditionen nicht hoch, ist eine Dreistigkeit höchsten Grades!“

„Aber …“, sie trat ihm mit großen Augen in den Weg, „hast nicht du selbst die Regeln gebeugt, indem du unsere Heimat verlassen und dich seither jeder weiteren Paarung entzogen hast? Wann hast du den Sümpfen zuletzt ein Opfer dargebracht?“

„Das tut nichts zur Sache!“, zischte er. „Gesetze sind nicht dazu da, gebrochen zu werden, sonst könnten wir sie ebenso gut abschaffen! Kein Gesetz schreibt mir nach erfolgreicher Paarung weitere vor! Kein Gesetz verbietet mir, den Tiefen der Sümpfe in der Fremde zu huldigen! Aber du, du spuckst auf alles, was uns lieb und teuer ist, indem du dich weigerst, deinen Teil zur Erhaltung unserer Art beizutragen!“

Du verleugnest, was dich zu einer von uns macht!

Nach Luft schnappend baute sich die jugendliche Lizari vor ihm auf. Mit Tränen in den Augen fauchte sie ihn an: „Glaubst du, es ist einfach, sich gegen die eigene Natur aufzulehnen? Was würdest du Weibchen raten, die nur andere Weibchen begehren?“

„Was ich dir auch rate: Such dir ein Männchen und zieh es verdammt noch mal durch! Wenn da unten alles funktioniert, kann das doch nicht so schwer sein!“

Seine Stimme schmetterte ihr entgegen und hallte von den Mauern wider. Runna zitterte vor Wut.

„Es ist schwer, wenn eins nicht begehrt!“, brüllte sie. „Begreifst du das nicht?“

In diesem Augenblick sah er Lira Murasame vor sich, hörte Mahus brüllen, und er schluckte.

Sie sind nicht von unserer Art!, schalt Runna sich. Bring sie nicht ins Spiel!

„Was ich begreife, ist, dass du aus Stolz bereit bist, alles wegzuwerfen, was uns Lizaro heilig ist“, antwortete er eisig. Er wandte sich zum Gehen.

Während sich das riesige Portal öffnete, hörte er Razzi hinter sich leise schnarrend sagen: „Am nächsten Mondetag reise ich wieder ab.“

Als er sich nach einer Ewigkeit zu ihr umdrehte, war sie schon verschwunden.

 

Fortsetzung folgt …
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