Kurzgeschichten

„An meinen werten Erzeuger“ – Teil 4

-X-

30. 09. 1357.

Rihtetag.

 

In den folgenden Tagen brütete Runna in seiner freien Zeit über einer Abschrift der Gesetze, die er sich kurz vor seinem Fortgang angefertigt hatte. Damals hatte er peinlich genau auf jede Kleinigkeit geachtet, die es ihm erlaubte, möglichst gar nicht mehr zurückzukehren. Zu Hause hatten sie ihn eingeengt, heute waren sie das letzte Stückchen Heimat, das ihm blieb.

So sehr er suchte, es gab nichts. Kein Schlupfloch, das Razzis Entscheidung rechtens gemacht hätte.

Es ist, wie es ist, seufzte Runna im Stillen. Sie bleibt im Unrecht.

Im Unterricht blieb sein Blick auf Lira haften und bei dem Gedanken daran, jemand würde sie unter Druck setzen, sich zu paaren, schmeckte er bittere Galle.

Die Gesetze hier sind andere, rügte er sich. Hier gilt so etwas als Verbrechen. Warum nicht bei uns?

-x-

Warum war vom Hohen Rat erlaubt, gar gefordert, was andernorts bestraft wurde? Diese Frage drängte sich ihm irgendwann in der Großen Pause auf. Und sie gefiel ihm gar nicht.

Nie zuvor hatte er die Gesetze seines Volkes in Frage gestellt, auch wenn er natürlich jedes Schlupfloch nutzte, das er ausfindig machen konnte. Er gehörte ja nicht zu jenen, denen diese Gesetze wirklich wehtaten.

Die Art, wie sein Kollege die Stirn runzelte, machte Runna darauf aufmerksam, dass er recht laut mit den Zähnen geknirscht hatte.

„Willst du mir sagen, was dich in letzter Zeit beschäftigt?“, fragte Oilin.

Der Lizara schüttelte den Kopf. Heute nicht.

Solche Gedanken waren nicht gut.

Er schob sich samt Stuhl vom Arbeitstisch im Lehrerzimmer weg und trat auf den Flur. Ohne klares Ziel preschte er vorbei an Halbsäulen und offenstehenden Türen, die zu Klassenräumen führten, in denen sich trotz Großer Pause noch viele Schüler aufhielten. Draußen prasselten seit Stunden ungemütlich kalte Schauer hernieder, die noch im Gebäude zu hören waren. Vielleicht sollte er sich während seiner beiden Freistunden in der Bibliothek verkriechen. Der Schatten, der in sein Blickfeld trat, machte sein Vorhaben zunichte. Mahus, wie stets in Dunkel gekleidet, sah ihn ausdruckslos an. Dann nickte er in Richtung eines leerstehenden Klassenraums.

-x-

Die Tür fiel mit einem Klicken ins Schloss und Mahus wirkte einen Geräuschdämpfungszauber, um zu verhindern, dass jemand ihr Gespräch belauschen konnte. Anschließend lehnte er sich gegen das Pult und bedeutete Runna, sich zu setzen.

„Ich stehe lieber“, winkte der ab.

„Verrätst du es mir?“, fragte Mahus.

So ruhig es ihm möglich war, entgegnete Runna: „Was soll ich dir verraten?“

Sein Freund legte den Kopf schief. Seufzend ließ sich der Lizara auf einen der freien Stühle fallen. Erzählte Mahus von dem Brief, von Razzis plötzlichem Auftauchen, von ihrem Streit. Als er endete, merkte er, dass er seine Stimme erhoben hatte. Wie dankbar war er Mahus für dessen weise Voraussicht.

„Und damit kommt sie zu mir!“, schnarrte Runna. „Zu mir! Ausgerechnet! Hat sie ernsthaft geglaubt, ich würde ihre Torheit auch noch gutheißen?!“ Noch nie hatte ihn Mahus´ ausdruckslose Miene so sehr gestört wie in diesem Augenblick. „Hast du mir etwas zu sagen? Dann sag es!“

Einige Minuten vergingen in angespanntem Schweigen. Als der Saldeimo endlich das Wort ergriff, klang seine Stimme eiskalt: „Soll ich dich zu deiner großartigen Leistung beglückwünschen?“

Der Brocken in Runnas Magen wurde tonnenschwer.

„Behauptest du etwa, ich sei im Unrecht?“ Schnaubend hob er das Kinn. Das war ja wohl die Höhe!

„Es liegt mir fern, Behauptungen aufzustellen“, antwortete Mahus immer noch in eisigem Ton. „Hast du dich je gefragt, wie es für jemanden ohne Begehren sein muss, begehrt zu werden oder den Akt zu vollziehen?“

Runna öffnete die Schnauze, um etwas einzuwenden, doch sein Freund sprach weiter, als gäbe es ihn gar nicht.

„Nur allzu oft gehen geschlechtlich Begehrende wie du noch davon aus, dass alle Wesen auf dieser Welt diese Form der Lust ebenso kennen und eine geschlechtliche Vereinigung ebenso anstreben wie sie es tun. Doch du weißt, dass dies nicht den Tatsachen entspricht. Du weißt, dass es Personen gibt, die niemanden geschlechtlich begehren, die niemanden auf diese Weise anziehend finden. Selbst du findest nicht alle Personen gleichermaßen begehrenswert. Manche gar überhaupt nicht.“

Runna ertappte sich dabei, wie er nickte. Allein der Gedanke an eine Paarung mit Mahus´ Mentorin sorgte dafür, dass es ihn vor Ekel schüttelte.

„Wie würdest du dich fühlen, müsstest du dich zu jedem Geschlechtsakt überwinden, weil du die Person nicht begehrst? Um ihr einen Gefallen zu tun, um Kinder zu zeugen, weil es ein Gesetz verlangt? Wenn du dich regelmäßig gegen deine Natur, gegen deine Bedürfnisse entscheiden müsstest? Könntest du dem Ganzen angenehme Seiten abgewinnen? Würdest du dich auf Dauer noch wohl in deiner Haut fühlen?“

Mahus schwieg und betrachtete seinen schuppigen Freund wie eine Schlange einen Hasen. Runna fühlte sich plötzlich sehr klein und schluckte den Einwand herunter, dass er schließlich Tsari auch nicht begehrt und sich trotzdem mit ihr gepaart hätte, wie es das Gesetz verlangte. Doch zu keinem Zeitpunkt hatte er das Gefühl gehabt, zu etwas gedrängt worden zu sein.

Mit etwas ruhigerer Stimme fuhr Mahus fort: „Was liegt dir mehr am Herzen, deine teuren Gesetze oder das Wohlergehen einer anderen Person?“

Mistkerl!, dachte Runna und grinste innerlich.

„Es geht um ein einziges Mal“, wandte er trotzig ein.

Mahus´ Augen wurden gefährlich schmal. „Wir reden hier von Zwang. Ginge es um Lira und nicht um eine dir unbekannte Tochter …“

Nicht du auch noch! Runna sprang auf.

„Es geht aber nicht um Lira!“, fuhr er seinen Freund an. „Und auch nicht um dich! Es geht um eine Lizari, die ihr Volk verrät!“

„Weil eine Lizaro sich selbst treu bleibt, stirbt euer ganzes Volk aus?!“ Mahus schnaubte.

„Wenn eine damit anfängt …“, wollte Runna einwenden, doch in diesem Moment bemerkte er selbst, welchen Unsinn er von sich gab. Keine Kultur ging daran zugrunde, dass ein paar Leute nicht jede Tradition lebten. Die Zweikronlande bevorzugten rechtlich seit jeher die gleichgeschlechtliche Paarung und überlebten dennoch mittlerweile einen Wüstenkönig, der offen mit einer Frau zusammenlebte. Er wusste es doch nun wirklich besser.

Die Forderung zur Paarung hatte die Zeit ihrer Entstehung überdauert. Damals eine Notwendigkeit, war dieses Gesetz dennoch schon immer vor allem eines: Zwang. Tradition hin oder her. Daran ließ sich nicht rütteln.

„Vielleicht wäre eine Gesetzesreform angebracht“, räumte der Lizara zähneknirschend ein und ließ sich wieder auf den Stuhl fallen. „Die Zeit der Kriege ist längst vorbei und das Land begrenzt.“

„Dagegen hätte deine Tochter sicher nichts einzuwenden“, erwiderte Mahus trocken.

Aller Aufgewühltheit zum Trotz musste Runna lachen. In ihm keimte die Überlegung, diese Fragestellungen im Unterricht mit den Oberstuflern zu diskutieren. Wenn er dann noch darauf verweisen würde, wie in anderen Ländern mit Leuten verfahren wurde, die jemanden zur Paarung zwangen, konnten daraus interessante Aufsätze erwachsen. Vielleicht genügend, um ein Schreiben an den Hohen Rat aufzusetzen. Oder erst einmal an ein paar ausgewählte Lizaro, deren Ansichten ähnlich … frei waren. Das würde Razzi jedoch nicht im Geringsten helfen. Jedenfalls nicht, solange sie der Heimat nicht fernblieb.

Die Pausenglocke ertönte und beendete damit ihr Gespräch, da sein Freund jetzt leider keine Freistunde hatte. Etwas zu früh, wie Runna befand. Daher beeilte er sich damit, noch eine letzte Sache loszuwerden, ehe der Saldeimo den Geräuschdämpfungszauber wieder aufheben würde: „Sie sagte, sie würde in ein paar Tagen abreisen.“ Seufzend hob er die Schultern und ließ sie kraftlos wieder sinken. „Leider hatte sie keine Gelegenheit, mir etwas über ihre Unterkunft mitzuteilen, ehe ich damit anfing, mich wie ein Volltrottel aufzuführen.“

Nicht nur ihr gegenüber, dachte er, aber bei Mahus kann ich mich jederzeit entschuldigen.

In seiner ihm eigenen, beherrschten Art, sich zu bewegen, löste sich Mahus vom Pult und trat auf seinen Freund zu. Ohne die kleinste Regung, aber mit einer nicht unbedeutenden Milde in der Stimme erklärte er: „Sie hat dich einmal gefunden. Sie wird dich ein zweites Mal finden.“

Und sei es nur, um sich für immer von mir zu verabschieden.

 

Fortsetzung folgt …
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