Kurzgeschichten

„An meinen werten Erzeuger“ – Teil 5

-X-

02. 10. 1357.

Erttag.

 

Am späten Nachmittag schmeckte Runna einen vertrauten Duft auf der Zunge. Der Schankraum der Wirtschaft »Hier herrscht ein Rauer Ton« konnte noch so vollgestopft und die Luft von noch so vielen Geschmäckern erfüllt sein; eine Lizari würde er überall herausschmecken. Seiner Siebtgeschlüpften erging es genauso, denn sie hatte kaum Mühe, seinen Tisch zu finden, wohl aber, sich dorthin durchzuschlagen.

Sie hat mich gesucht, stellte er fest und spürte tatsächlich Freude darüber. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte Razzi sich an der Akademie herumgefragt und seine Kollegen hatten sie auf seine vor Kundschaft überquellende Lieblingswirtschaft verwiesen.

Mit weit aufgerissenem Maul fauchte Razzi einen Alben an, der sich doch tatsächlich die Dreistigkeit herausnahm, ihren unbekleideten Hüften mit seinen Händen Aufmerksamkeit zu schenken.

Sei froh, dass ihr nicht eingefallen ist, ihre Krallen zu benutzen oder dir die Nase abzubeißen, dachte Runna brummend, als der Kerl sich mit zornesrotem Gesicht davonmachte.

„Was findest du an diesem Etablissement?“, schnarrte Razzi kopfschüttelnd.

Runna winkte einen Kellner herbei, einen Lupion mit seidigem, flachsblondem Fell. Und einem köstlich-herben Duft. Der Kellner nahm Razzis Bestellung auf und schob sich anschließend durch die Menge in Richtung Tresen. Grinsend sah Runna ihm hinterher.

„Unter anderem die vielen Gelegenheiten“, gab er seiner Siebtgeschlüpften zur Antwort. Diese neigte den Kopf und rieb sich das Kinn.

Du musst es nicht verstehen, Kind, schmunzelte Runna.

Razzis Blick schweifte hin und her. Sie mied den Augenkontakt mit ihm. Ein Züngeln ließ ihn Unruhe schmecken, Angst.

„Ich war mir nicht sicher“, begann sie und es klang gedehnt, „ob du mich sehen willst.“

Der Schmerz in ihrer Stimme traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Er bestätigte seine eigene, grenzenlose Verbohrtheit.

„Du brichst auf?“, fragte er und bemühte sich um ein Lächeln.

„Ich kann mich heute noch einer Reisegruppe anschließen.“ Sie kratzte sich am Hinterkopf und starrte dabei den Tisch an.

„Wohin führt die Reise?“

„Sie wollen nach Portia und sich dort verdingen“, antwortete sie und zuckte mit den Achseln. „Mal sehen, wie es mir dort gefällt.“

Die Erwähnung der Halbinselprovinz bot Runna die Gelegenheit, Razzi von den dort produzierten Spirituosen vorzuschwärmen, derentwegen er schon mehr als eine Reise dorthin unternommen hatte. Ganz allmählich lockerten sich Razzis Schultern. Voller Staunen und nicht ohne eine gewisse Hochachtung lauschte Runna danach einer Zusammenfassung ihrer eigenen bisherigen Reise. Wie weit sie in so kurzer Zeit herumgekommen war!

Das leichte Zucken ihrer Hand, die er ergriff, entging ihm nicht.

„Wenn du damit leben kannst, dass dein Erzeuger ein verbohrter Dummkopf ist, wäre es mir eine Freude, dich irgendwann auf einer deiner Reisen zu begleiten“, erklärte Runna. „Meine Tür steht dir jederzeit offen.“

Razzi erwiderte nichts, doch das Leuchten in ihren größer werdenden Augen sprach Bände.

 

FINE

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s