Allgemein

Wo denn sonst, …

… wenn nicht in der Schule, frage ich mich.

Frage ich auch Carsten Linnemann, seines Zeichens Mitglied der christdemokratischen Union in Deutschland, der kürzlich forderte, Kinder, die zum Beginn des ersten Schuljahres des Deutschen noch nicht mächtig seien, später einzuschulen oder einer Vorschulpflicht zu unterziehen. Um, so Linnemann laut Zeit, die Entstehung neuer Parallelgesellschaften zu verhindern.

Was, frage ich mich, würde dadurch gefördert, würden Kinder, von denen ausgegangen wird, dass sie nie einen Kindergarten und erst recht keine Vorschule besucht haben, tatsächlich erst später eingeschult, weil sie aufgrund des bisherigen Daueraufenthaltes in ihrer häuslich-familiären Sprach- und Gedankenwelt der Landessprache und/oder gewisser Sozialregeln nicht mächtig sind? Wer seine Kinder bis dahin nicht durch Kindergarten und Vorschule gefördert hat (aus welchen Gründen auch immer), wird es auch in einem zusätzlichen Jahr eher nicht tun.

Und würden sich die betroffenen Kinder nicht erst recht fühlen, als seien sie Menschen zweiter Klasse? Würden sich diese Kinder (und ihre Familien) dadurch nicht noch mehr abgehängt fühlen als ohnehin schon?

Fehlt diesen Kindern dadurch nicht viel eher ein weiteres Jahr, in dem einer Verhärtung der bisher einzig bekannten Sprach- und Gedankenwelt hätte entgegengewirkt werden können? Fördert das nicht viel eher die Entstehung von Parallelgesellschaften, die dadurch doch angeblich verhindert werden sollen?

Wenn eine Vorschul-, besser noch eine Kindergartenpflicht, gefordert wird, dann doch bitte eine allgemeine, die bundesweit ab einem Alter von drei oder spätestens vier Jahren gilt – und nicht allein für Kinder mit Sprachproblemen.

Es sind derer viele, die dringend Nachholbedarf haben, was Sprachentwicklung und/oder gesundes Sozialverhalten angeht. Kinder, die, statt im Kindergarten miteinander zu spielen und dadurch Rücksichtnahme und Regeln zu lernen, zu Hause vor dem PC oder dem Fernseher geparkt werden – teilweise aus durchaus nachvollziehbaren Gründen der elterlichen Überlastung.  Kinder, deren Eltern keine Zeit oder keine Lust haben, ihnen etwas vorzulesen. Kinder, in deren familiärem Umfeld die Achtung persönlicher Grenzen und Freiräume nicht gewährleistet ist. Ist es um deren soziale und sprachliche Entwicklung wirklich so viel besser bestellt als um die Deutschkenntnisse von Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund?

Und wie ist es um Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt in den Köpfen jener Kinder bestellt, die in Familien aufwachsen, die einer allgemeinen Kindergartenpflicht und teilweise sogar einer Schulpflicht kritisch gegenüberstehen und ihre Kinder daher am liebsten – unter Berufung auf Artikel 6 Absatz 2 GG – zu Hause unterrichten würden? [1]

Eine Kindergartenpflicht würde die Eltern in ihrer Erziehungs- und Pflegeaufgabe nicht einschränken, sondern ergänzen und unterstützen. Als Einschränkung, so mein Verdacht, betrachten dies einzig Leute, die zu fürchten haben, dass ihre Kinder dadurch andere Wertvorstellungen als die eigenen kennenlernen könnten. Leute, die missverstehen, dass ihre Elternpflicht und ihr Elternrecht in erster Linie dem Kinderrecht verpflichtet ist, das 1989 in Form einer UN-Konvention als weiteres Grundrecht vereinbart wurde, und dass eine außerfamiliäre Förderung des Kinderrechtes nach Bildung, das unter anderem durch Kindergarten- und Schulpflicht gewährleistet werden soll, nur schwerlich im Widerspruch zu ihren elterlichen Rechten stehen kann und erst recht keine Beschneidung derselben darstellt, sondern eher eine Unterstützung in Bereichen, die Eltern kaum im gleichen Maße leisten können.

Im Grundschulalter lernen Kinder eine fremde Sprache noch erstaunlich schnell – wenn sie nicht zu sehr unter Druck stehen, was in einer Leistungsgesellschaft allerdings bereits ab der ersten Klasse zu erwarten ist. Ungleich schneller lernen Kinder im Kindergartenalter – zumal sie dort frei von Lern- und Leistungsdruck sind. Daher ist nicht die Zurückstellung von der Einschulung zu fordern, Herr Linnemann, sondern mindestens eine allgemeine, deutschlandweite Vorschulpflicht.

Dass zuvor eine flächendeckende Versorgung mit Kitaplätzen gewährleistet sein muss und genügend Personal vorhanden sein muss, steht außer Frage.

♠♠♠

[1] Was hierbei unter grenzwertigen und fadenscheinigen Gründen verstanden wird, ist meiner Ansicht nach vielsagend.

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Ein Gedanke zu „Wo denn sonst, …“

  1. Wahr. Manchmal fragt sich eine bei manchen Leuten schon, um Crowley zu zitieren: „Where have you been?“ — In welcher Welt leben die eigentlich?

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