Asexualität

Sechs Farben Ass – Über Coming Outs, Bullshit Bingos und andere Interaktionen

„Sechs Farben Ass – Über Coming Outs, Bullshit Bingos und andere Interaktionen“
-Teil 1-

Am 21. 09. 2019 war ich eingeladen, auf der fünften AktivistA-Konferenz ein Projekt talnianischen Inhaltes vorzustellen, das vordergründig belletristischer Natur ist, bei näherer Betrachtung jedoch deutlich mehr zu bieten haben wird. Die Crowdfunding-Plattform Patreon hat nämlich auch etwas damit zu tun. Und die Absicht, die bislang noch unter dem Arbeitstitel „Sechs Farben Ass“ laufende Anthologie unter anderem auch als Reisebroschüre für Reisewillige nach Talnia zu nutzen.

Doch ehe ich in Teil 2 nachhole, was im zeitlich ein wenig eingeschränkten Rahmen eines knapp dreißig- bis fünfundvierzigminütigen Vortrages leider unter den Tisch fallen musste, nämlich das Vorstellen der Welt, in der meine Geschichten spielen, steht die Beantwortung zweier weit wichtigerer Fragen im Vordergrund:

1. Worum geht es überhaupt in „Sechs Farben Ass“?

2. Was verbirgt sich hinter dem zugegeben ein wenig kryptischen Titel?

 

Sechs Farben – sechs Narrative

Vergangenes Jahr habe ich – nicht als erste und sicher auch nicht als letzte – im Anschluss meines Vortrages über Deutungshoheit auf der AktivistA 2018 die Forderung an Schreibende gestellt, asexuelle Narrative zu schreiben. Die eigenen Erfahrungen zu schreiben, mit eigenen Worten.

Narrative haben Macht.
Erzählen wir sie.

Die Anthologie „Sechs Farben Ass“ ist einer meiner Beiträge, mit denen ich meiner eigenen Forderung nachkommen möchte [1].

Es begann während der Arbeit an meinem Roman. Kaum fand ich heraus, dass mein Protagonist asexuell ist, offenbarten mir weitere gar nicht so unwichtige Figuren aus Talnia, dass auch sie sich auf dem asexuellen Spektrum bewegen. „Hier! Ich auch!“ vernahm ich recht oft in jener Zeit. Nicht alle, die sich meldeten, stammen aus demselben Zeitalter, und längst nicht alle kennen einander. Im März 2017 notierte ich erste Gedanken zu jenen sichtbaren sechs asexuellen Charakteren. Und während die Geschichte der Jüngsten im Bunde sich zwischen den Zeilen eines Romankapitels entfaltete und ihr Anfang schließlich in „An meinen werten Erzeuger“ [2] erzählt wurde, wurde die Idee geboren, jeder dieser sechs asexuellen Figuren eine eigene Geschichte zu widmen und daraus eine Anthologie zusammenzustellen.

Nun ist es zwar um die Sexualaufklärung in Talnia um Längen besser bestellt als in irdischen Gefilden und Asexualität so sichtbar wie jede andere nur denkbare sexuelle Orientierung, doch sorgen aller Aufgeklärtheit zum Trotz selbst in Talnia Unterschiede in der individuellen Wahrnehmung, Erwartungshaltungen anderer oder gesellschaftliche Vorgaben dafür, dass talnianische Asexuelle gelegentlich Erfahrungen machen, die für irdische Asexuelle beinahe zum Alltag gehören.

Sechs_Aces

Befremden und Vorurteile, den Wunsch nach Zugehörigkeit, Rückhalt und Akzeptanz, den Versuch, bei allen Unterschieden die Gemeinsamkeiten zu entdecken, das Streben nach Geborgenheit, den Schmerz der Einsamkeit – Erfahrungen, die (nicht allein) asexuellen Einheimischen der irdischen Dimension häufig alles andere als fremd sind. Erfahrungen, von denen jene sechs talnianischen Figuren berichten können.

Jede der Geschichten wird dabei eine Farbe der Regenbogenflagge vertreten. Da sie weder chronologisch noch inhaltlich aufeinander aufbauen oder Bezug nehmen, werden die Farben der jeweils vorangehenden und nachfolgenden Geschichten als Bindeglieder fungieren. Am Beispiel der grünen Geschichte möchte ich einmal demonstrieren, wie das konkret aussehen wird:

Mit der gelben Tinte der Verschwiegenheit verfasse ich diese Zeilen.
Denn was meine geschätzte Jungkollegin und meine Wenigkeit auf jenem fernen, vorerst ohne Koordinaten oder sonstige etwaige Anhaltspunkte, welche auf die genaue Lage hinweisen könnten, erwähnten Eiland entdeckten, soll so früh noch nicht das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Zuvor sind eingehendere Recherchen notwendig, in die zu viele Außenstehende einzubeziehen wir nicht wagen. Mangelt es uns doch bislang an Kenntnissen jener Geheimnisse und möglicherweise magischer Hinterlassenschaften, die das einstmals ausgedehnte Land noch verbergen mag – sei es unter oder über der Wasseroberfläche.
Fragen müssen geklärt werden.
Fragen, die der Direktor möglicherweise beantworten kann, war er schließlich Zeuge jener Zeit, als die Wellen über die Ufer der Kontinente auf der südlichen Hemisphäre schlugen, die Fluten diese verschlangen und nichts als ruinös-karge Eilande zurückließen.
Eilande, die zu erkunden meine werte Jungkollegin und ich beschlossen haben und womit wir vor wenigen Tagen begonnen haben. Was wir dort fanden, soll vorerst gelb verfasstes Geheimnis bleiben – bis die formellen Bedingungen für eine bedenkenlose Veröffentlichung unserer Forschungsergebnisse erfüllt sein werden und die Tinte sich so grün färben wird wie das Wunder, das wir entdeckten.
[…]
Gruenes_Artefakt
„Grün“, stellte Runna mit sperrangelweit offenstehendem Maul fest. „Die Insel ist grün.“
Was den Lizara derart fassungslos machte, war in Liras Augen nicht weiter verwunderlich. Die warme Meeresströmung brachte mildes Wetter mit sich und die graue Erde schien ein fruchtbarer Nährboden zu sein. Das Treibgut, das hier hin und wieder anlandete, bestand nicht nur aus Schiffplanken, und auch die Seevögel hinterließen sicher den einen oder anderen unverdauten Pflanzensamen.
Aus Runnas Berichten im Vorfeld ihrer Reise war jedoch hervorgegangen, dass es sich bei diesem winzigen Eiland um einen kargen Felsen im Meer handeln müsste. Und hier standen sie nun, inmitten eines Urwaldes, die Füße vom knöchelhohen Gras beinahe verschluckt, von zwei- und dreistöckigen Bäumen mit zwergengroßen Blättern vor der Sonne geschützt, die ihrerseits von Bäumen überragt wurden, deren Stämme wie turmhohe Säulen steil nach oben schossen.Gruene_Ruinen
[…]
Derart mit Hoffnung erfüllt ließ Lira den Blick über den schier endlosen Ozean schweifen. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen und stahl sich in ihr Herz. Denn irgendwo am anderen Ende dieses blauen Wunders lebte Benti und wartete in diesem Moment vermutlich auf ihre Rückkehr.

Asexualität ist neben den Farben das zweite Bindeglied zwischen den Figuren. Dabei möchte ich allerdings Asexualität nicht erklären, sondern über einen Einblick in Denken und Fühlen der handelnden Figuren erlebbar machen. Wobei wichtig ist, dass diese Geschichten in deren eigenen Worten erzählt werden.

Wer sind nun jene sechs, deren Geschichten in der Anthologie eurer Lektüre harren werden?

Ass_RotTine_Rot

Den Anfang macht Tine Myur, eine junge, offenherzige und tatkräftige Alba, die in einem kleinen Dörfchen in der Halbinselprovinz Portia lebt. Ihr Beispiel soll demonstrieren, wie leicht Unwissenheit über das Empfinden anderer aus kleinen Unterschieden in der Wahrnehmung heraus resultieren und zu unbedachten Äußerungen führen kann. Stichwort: Bullshit Bingo [3]

[…]
Hinter sich hörte [Tine], wie Wen Luft holte. Fast schon konnte die Albin den erhobenen Zeigefinger sehen, zum Widerspruch erhoben. Als er schließlich sprach, klang er fast schon beschämt.
„Ich habe Angst, die Erfahrung nie zu machen. Alle anderen haben schon, nur ich nicht. Ich will wenigstens einmal so was Tolles erleben wie Piro und die anderen. Ich will nicht immer nur mitanhören müssen, wenn sie davon schwärmen, sondern es endlich selbst erleben.“
„Woher weißt du, dass es dir gefallen wird, wenn du es noch nie hattest?“
„Da-das weiß eins doch!“
Tine blieb stehen und drehte sich zu ihm um.
„Woher denn?“
Wen stemmte die Hände in die Hüften und streckte sich.
„Müsstest du es ausprobieren, um zu wissen, dass du es nicht willst?“
Tine musste einräumen, dass er Recht hatte.
[…]

Ass_OrangeRazzi_Orange

Um Rückhalt und Heilung wird es in der Geschichte von Razzi gehen, der wir in den Zweikronlanden begegnen, wo sie eine Reisegesellschaft durch die Wüste begleitet und Bekanntschaft mit einem Transjungen und dessen Familie machen wird.

 

Ass_GelbMahus_Gelb

Befremden wird das Thema der gelben Geschichte und des ganz und gar nicht zur Farbe der Sonne und des Lichts passenden Mahus Nactan sein. Mahus, seines Zeichens Protagonist meines Romans, wirkt nämlich – nicht bloß aufgrund seiner Haar- und Hautfarbe sowie aufgrund der Wahl seiner Kleidung – vergleichsweise düster. Womit er, der den „Rauen Ton“, in den sein Kollege Runna ihn entführt, mit Befremden betritt, gleichsam auf Außenstehende befremdlich wirkt.

Ass_GrünLira_Grün

Grün wie die Hoffnung sprießt – entgegen aller Erwartungen – in Lira Murasames Geschichte das Leben auf einer Insel im Süden Talnias, die Lira gemeinsam mit ihrem Kollegen Runna zu erforschen im Begriff steht. Eine Erkundung des Inselinneren lässt beide auf Ruinen stoßen – und etwas Anderes, Unbekanntes …

Ass_BlauBenti_Blau

Auf der anderen Seite der Welt wartet indes voller Sehnsucht Liras bester Freund und Kollege Benti Zumate auf ihre Rückkehr, als er bei einem Stadtbummel in Althena einen Magie wirkenden Alben bemerkt, dessen Augenfarbe sich dabei offenbar ebenso wie Bentis verändert. Zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl habend, mit dieser Besonderheit nicht allein zu sein, nimmt er die Verfolgung quer durch Althena auf.

Ass_LilaOdan_Lila

Zuletzt werden wir erfahren, wie eine bestimmte fliederfarbene Paste in Odan Jestals Besitz kam – und dass Hingabe, Pflichtgefühl und Liebe nicht erst romantischer oder sexueller Gefühle bedürfen, um wahrhaftig und tief empfunden zu werden.

Es war schwer.
Es war immer schwer.
Odans Hand zitterte über dem Papier, als er mit der tiefblauen Tinte die Worte verfasste. Abschied.
So viele schon. Und es würden mehr werden, die ihn zurücklassen würden. Es war nicht zu ändern.
Den Atem ausstoßend löste der Direktor die müden Augen für einen Moment von dem gnadenlosen Weiß , das ihn verhöhnte. Sein Blick wanderte zur Decke, wo eine schwächer werdende Lichtkugel pulsierte. Schwebte von dort weiter über die Regalreihen an den Wänden und das noch immer weitgehend leerstehende Büro. Kehrte zurück zu dem unscheinbaren, vierkantigen Glasbehälter, der neben dem Tintenfässchen auf seinem Schreibtisch stand. Jenem Fläschchen, dessen breiiger Inhalt mit seinem unschuldigen Fliederton  der Macht Hohn sprach, die ihm innewohnte. Oder die manche sich davon versprechen mochten. Und die andere fürchteten, sollte sie in die falschen Hände geraten.
Das würde nicht geschehen. Versprechen, die er den Geschwistern gegeben hatte, galten ihm etwas.
Odan atmete tief ein, tauchte die Feder in die Tinte. Mit dem Ausatmen entstand der nächste Strich. Die Worte tröpfelten auf das Papier.
Abschied. Der wievielte war es nun? Er hatte erst nach dem Krieg zu zählen begonnen. Zeit für angemessene Worte hatte es zuvor nicht gegeben. Noch dreißig Jahre danach erschien es Odan manchmal, als würden die Worte niemals ausreichen, um die Leere zu füllen.
Einzelne gab es, die ihn beneideten. Weil er nie das Bedürfnis danach verspürt hatte, eine Familie zu gründen oder sich eine Gefährtin oder einen Gefährten zu wählen, glaubten sie, das Altern würde ihm leichter fallen. Schließlich müsste er das Alleinsein nicht fürchten. Wo er doch stets alleine lebte. Einzelne wussten es nicht besser. Verwechselten das Nichtvorhandensein einer einzelnen Empfindung mit vollkommener Unfähigkeit, zu lieben und sich verbunden zu fühlen. Verkannten, dass er sehr wohl Kinder und eine Familie hatte, wenn er ihnen auch nicht im Blute verbunden war.
Er war der Erklärungen müde geworden. Solange er lebte, würde es stets zwei Wesen in Talnia geben, die wussten, wie es wirklich um ihn bestellt war. Denn solange er lebte, lebten die Geschwister. Und solange die Geschwister lebten, sollten alle anderen getrost in der Annahme weiterleben, der Direktor der Akademie von Althena könnte nicht wahrhaft empfinden, weil er nie in den Feuern von Romantik und Leidenschaft brennen würde. Er wusste es besser.
Die Lichtkugel über seinem grau  werdenden Haupt flackerte. Seufzend ließ Odan die Feder sinken und sprach die Formel. Schon erstrahlte das magische Licht wieder in voller Kraft.
Es fiel ihm auch so schon schwer genug, die Worte aufzusetzen. Mussten ihm die Elemente jetzt zusätzlich das Leben schwermachen? Die Feder kratzte weiter über das Papier, vollendete Wort für Wort.
Nicht eines davon wirklich dem Leben der Frau angemessen, der die Worte galten. Der Freundin, die sie vor wenigen Tagen zu Grabe getragen hatten.
[…]

Eine Anthologie wie eine Reisebroschüre

Da nun die Welt, in welcher diese sechs Erzählungen spielen, noch sehr vielen Erdenbewohnenden unbekannt ist, habe ich vor, die Anthologie um ansprechend präsentierte Informationen über Talnia zu erweitern. Nachdem also kürzlich auf der Erde eine Niederlassung des Büros für Interdimensionalreisen eröffnet wurde, das unter anderem Reisen nach Talnia anbietet, unternahm ich den Versuch einer Kontaktaufnahme mit Gheida Rultan er Rath, die für ebenjene zuständig ist, sich anhörte, was ich plante, und sich bereit erklärte, die Kurzgeschichten durch Auszüge aus der aktuellsten Ausgabe der Talnia betreffenden interdimensionalen Reisebroschüre zu ergänzen.

Gheida wird folglich Lesende mit Talnia und den vielfältigen Facetten dieser Welt bekannt machen. Das wird auf ebenso vielfältige wie im Vorfeld interaktive Weise geschehen. In Arbeit sind neben kurzen Steckbriefen der einzelnen Reiche Talnias und dazugehörigen Karten unter anderem Auszüge aus Liras und Runnas Forschungsbericht über jene geheimnisumwobene Insel im Süden, die sie in Liras Geschichte untersuchen. Bevor ich auf die interaktiv entstehenden Inhalte der belletristisch ausgeschmückten Reisebroschüre eingehe, möchte ich das Reiseziel selbst in aller gebotenen Kürze vorstellen.

Zu fürchten ist allerdings, dass ich mir mit der Kürze schwertun könnte.

♣♣♣

[1] Weitere Beiträge werden mein talnianischer Roman „Die Zelle in meinem Kopf“ sowie ein Kurzroman mit dem Arbeitstitel „Tür. Grün. Verschlossen.“ sein.

[2] In englischer Sprache ist die Geschichte auf DeviantArt, zweisprachig als PDF im Anhang auf Patreon zu finden: Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4Teil 5

[3] Speziell asexuelle Bullshit Bingos finden sich beispielsweise im Queer Lexikon.

♣♣♣

Weiter zu Teil 2: „Warum Fantasy? – Talnias Facetten und Möglichkeiten“
Weiter zu Teil 3: „Mitmachangebote“

 

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