Sichtbarkeit und Bildung

Die schrecklich laute Angst vor Spätrömischer Dekadenz

„Benshoff erklärt weiters, dass es zu dieser Zeit nicht unüblich für das US-amerikanische Filmpublikum war, das Ausland, und insbesondere Europa, mit sexuellem Verfall zu assoziieren. Es sei deswegen wenig überraschend, dass diese Rollen häufig mit Nicht-US-Amerikanern besetzt wurden. Es handelt sich um eine Stereotypisierung, die im Genre des Anti-Nazi-Films eine sehr explizite propagandistische Instrumentalisierung erfuhr: Als Gegenentwurf zu dem Konzept der christlich geprägten, liebenden Kleinfamilie des US-amerikanischen (Klein)Bürgertums wurden die meist von Exilschauspielern verkörperten Nazi-Schurken mit Promiskuität und sexueller Perversion, häufig Homosexualität, in Verbindung gebracht.“

https://filmpluskritik.com/2021/04/29/queer-coding/
https://filmpluskritik.com/2021/04/29/queer-coding/2/

Falls jemand nun glaubt, dass sei ja längst Geschichte: Werft bitte einen Blick nach Russland, Polen und andere osteuropäische Länder, nach Italien, werft einen Blick auf den Iran, China, den Irak, Afghanistan, Katar, Mexiko, viele südamerikanische Länder, in die USA (v.a. den Bible Belt), aber auch einen Blick in den angeblich so toleranten Westen.

Jedes Mal aufs Neue lässt sich Folgendes beobachten:
Queere Menschen kämpfen dafür, dass ihnen dieselben Rechte zugestanden werden, die Heterosexuelle und cis Geschlechtliche ganz selbstverständlich innehaben, erstreiten sich ein weiteres Recht – und schon wird von „Sonderrechten“, vom „Sittenverfall“ und vermeintlicher „Unnatürlichkeit“ gefaselt, wobei als „unnatürlich“ nicht gilt, was künstlich erschaffen wurde, sondern das, was die jeweils propagierte Sexualmoral nicht als richtig vorsieht.
Die längst widerlegte These der „Spätrömischen Dekadenz“ wird aus der Mottenkiste gekramt.
Und selbstverständlich schürt man Ängste. Man dämonisiert, instrumentalisiert Kinder, die man angeblich vor „Sexualisierung“ schützen will, oder andere Gruppen, die man gerne auch gegen queere Menschen ausspielt, und es wird behauptet, die bisher als Norm propagierte heterosexuelle Paarbeziehung mit Kind(ern) oder das Konzept der Frau solle abgeschafft werden.
Alles in allem ist bei denen, die auf Aufklärung, Sichtbarkeit, Selbstbestimmung und Vielfalt derart mit Hass und Ablehnung reagieren, die Angst vor Machtverlust, vor dem Verlust der Deutungshoheit und davor, den Kuchen nicht mehr für sich allein zu haben, der von Anfang an für alle gedacht war, geradezu greifbar.

Die einzige Gruppe, deren Ängste ich tatsächlich angesichts der Hintergründe sogar nachvollziehen kann, ist die der Radikalfeministinnen. Denn sie befinden sich wie queere Menschen noch immer im Kampf um gleiche Rechte und müssen jederzeit fürchten, dass diese ihnen wieder aberkannt werden. Das macht sie anfällig für Instrumentalisierung gegen Gruppen, die gesellschaftlich einen noch schwächeren Stand haben.
Ähnliche Dinge geschehen innerhalb queerer Communities. Teile und herrsche funktioniert. Sorg dafür, dass die, die deine Vormachtstellung gefährden und in Frage stellen, sich untereinander zerfleischen, fühl dich dabei gut und sammle hinterher die Reste ein.

Das alles funktioniert. Menschen sind überzeugt, das Richtige zu tun, wenn sie der zunehmenden Gleichstellung queerer Menschen mit Hass und Ablehnung begegnen, weil jahrzehntelange, Generationen und Kulturen übergreifende Indoktrination mit Stereotypen verfängt.

Einerseits hege ich die Hoffnung, dass es sich dabei nur um eine hasserfüllte, kontrollbesessene Minderheit handelt, andererseits zeigt ein Blick in die Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, wie viel Macht eine ebensolche Minderheit anzuhäufen in der Lage ist.
Und das macht mir Angst.
Obwohl ich das zweifelhafte „Privileg“ der Unsichtbarkeit meiner Orientierung „genieße“ und solange als heterosexuell durchgehe, wie ich schweige und so tue als ob.
Ich fürchte mich vor einer Zukunft, in der diese hasserfüllte, kontrollbesessene Minderheit die Macht innehat und in der Menschen wie ich nur solange ihres Lebens sicher sein können, wie sie sich verstecken. Innerlich Stück für Stück auseinanderbrechend.
Und diese Zukunft ist angesichts der Ereignisse der letzten Jahre gar nicht so unwahrscheinlich.
Vor allem, weil noch immer viel zu viele schweigend zuschauen.
Weil sie glauben, es betreffe sie nicht.

Euch nicht, aber vielleicht einen Menschen, den ihr kennt.
Und dessen Verlust euch schmerzen würde.

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