Romane

Bücherhamstern #18

Heute geht in Leipzig zum dritten Mal eine Buchmesse zu Ende, die nur eine abgespeckte Version ihrer selbst ist. Und ich stelle dieses Mal eine Reihe einer Autorenkollegin vor, die keine leichte Kost ist, aber zugleich so viel Hoffnung spendet, dass es mir ein besonderes Anliegen ist, sie vorzustellen. Davon abgesehen, dass ich den Erzählstil und die Charaktere schätze.

Dominic Montoya lebt über weite Strecken seines Lebens das, was von ihm erwartet wird: Er hat einen Job, ein Auto, ein Haus und erfüllt, zumindest nach außen, heteronormative Erwartungen. Denn er ist mit einer Frau verheiratet und hat drei Kinder mit ihr gezeugt, Nikolai, Dante und Maya. Doch dieses Leben ist eine Fassade, denn irgendwie tat er sich mit Körperkontakt schon immer schwer – mit Sex und Zärtlichkeiten erst recht. Dennoch gelingt es ihm über viele Jahre, den Schein zu wahren, bis er eines Abends nach dem Sex mit ihr mental zusammenbricht. Weil diese bereits das Haus verlassen hat und alles andere als eine sichere Anlaufstelle ist, lässt sich Dominics älterer Sohn Nikolai von dessen Bruder Andrew die Kontaktdaten einer Person geben, zu der die Kinder samt ihrem Vater schließlich mit dem Auto aufbrechen: Alejandro Mendez.

Im Laufe der Fahrt erfahren wir nicht nur, wer Alejandro ist und was ihn für Dominic so besonders macht, sondern auch, welchen Hintergrund Dominics vermeintlich eigenartiges Verhalten hat – und dass hinter dem Aufrechterhalten einer heteronormativen Fassade noch mehr steckt.

Davon berichtet der zweite Band, der in Dominics Jugend spielt, und sich um das Thema Konversionstherapien und Umerziehungslager dreht. Obwohl die Reihe in den USA spielt, müssen wir uns nichts vormachen: Zumindest Konversionstherapien, deren Ziel es ist, queeren Jugendlichen ihre sexuelle Orientierung bzw. ihre Geschlechtsidentität abzutrainieren, sind in den meisten Ländern dieser Welt mit wenigen Ausnahmen wie Malta, Ecuador, Brasilien, Taiwan und Deutschland weiterhin erlaubt – und in Deutschland erst seit 2020.

Doch aus jeder Hölle führt ein Weg hinaus und morgen beginnt ein neuer Tag. Unter diesem Motto steht der dritte Band der Reihe, der soeben frisch erschienen ist und am Abend der Abschlussfeier von Nikolai spielt. Dominics ältester Sohn hat nämlich seine Promotion abgeschlossen und zu diesem Anlass ist – sehr zu Dominics Leidwesen – Nikolais gesamte Verwandtschaft eingeladen, also nicht nur Dominic, seine Kinder, seine Ex und seine beiden Lebensgefährten, sondern auch Dominics Bruder und seine Eltern, die Dominic als Jugendlichen in ein Umerziehungslager steckten und damit sein Trauma mitzuverantworten haben. Die Luft ist zum Zerreißen gespannt und es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein falsches Wort das andere gibt.

Danke an Lili S. McDeath, die mir das Cover vor Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat.

In Lili S. McDeaths Reihe, die sie zunächst auf Englisch verfasste und dann ins Deutsche rückübersetzte, ereignet sich unglaublich viel zwischen den Zeilen, in Gesten und in der Art, wie Charaktere miteinander sprechen. Auf diese Weise gelingt es der Autorin, auch ohne detailreiche Beschreibungen eine dichte Atmosphäre zu schaffen und uns Lesenden viel unmittelbarer an dem teilhaben zu lassen, was in den Köpfen und Herzen der Figuren vorgeht. Durch den jeweils großen zeitlichen Abstand von mehreren Jahren können wir außerdem verfolgen, wie sich die Figuren zwischenzeitlich entwickelt haben.

Eine Art Prequel zu Band 1 erzählt Lili S. McDeath außerdem in ihrer Kurzgeschichte Wissen und wissen, der Teil der von Carmilla DeWinter und mir 2021 herausgegebenen Anthologie Beweisstück A ist.

Illustration von meiner Wenigkeit zu „Wissen und wissen“ aus „Beweisstück A“.

Im Anschluss an die jeweilige Geschichte findet sich in jedem der drei Bände ein Abschnitt, in dem reale Personen zu Wort kommen und davon berichten, welche Berührungspunkte sie zu dem jeweiligen Hauptthema eines Bandes haben. Ursprünglich waren diese Statements gar nicht eingeplant, allerdings hatten wohl Testleserinnen des ersten Bandes Fragen zum Thema Asexualität und wollten wissen, ob Asexualität sich bei allen asexuellen Personen so äußern würde wie bei Dominic. Also fragte die Autorin befreundete Aces, ob diese bereit wären zu beschreiben, was ihre Asexualität jeweils ausmacht. Diese Shades of Ace kamen so gut an, dass die Autorin die ergänzenden Statements auch für die folgenden Bände beibehalten wollte. Im Anschluss an Band 2 berichteten Menschen über ihre Erfahrungen mit emotionalem, sexuellem und institutionellem Missbrauch, während die Statements zu Band 3 sich mit Wegen aus dem Trauma und dem Schmerz beschäftigen.

Für Episode 17 des Podcasts InSpektren habe ich Lili S. McDeath für die Literaturecke interviewt. Am 31. März wird die Episode unter https://inspektren.eu/episode-17-aspec-und-trauma zu hören sein.

♣♣♣

Lili S. McDeath, The Price of Normal. Dominic Montoya Saga: Part one (2019) 131 Seiten. ISBN ‎978-1-07089012-8.

Lili S. McDeath, Der Preis von Normal. Dominic Montoya Saga: Teil 1 (2020) 185 Seiten. ISBN 978-1-69616633-1.

Lili S. McDeath, Der Sinn des Lebens. Dominic Montoya Saga: Teil 2 (2020) 213 Seiten. ISBN 979-8-69062380-7.

Lili S. McDeath, Und morgen ist ein neuer Tag. Dominic Montoya Saga: Teil 3 (2022) 176 Seiten. ISBN 979-8-75775992-0.

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