Rezension

Kurioses aus dem Mechanischen Flächenland

 

Diese Rezension ist Teil des Online-Angebots FaKriRo – Onlinemesse, das ab dem 12. 03. 2020 startet.

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Mit der dritten Rezension entführe ich euch in eine Welt, die nach und nach aus dem Mechanischen Flächenland hervorgegangen ist, das der Maler und Medienkünstler Matthias A. K. Zimmermann in mehreren detailgewaltigen Gemälden festhielt.

Matthias A. K. Zimmermann, KRYONIUM. Die Experimente der Erinnerung (Kulturverlag Kadmos 2019) 314 Seiten. ISBN 978-3-86599-444-8.

Buchtrailer auf YouTube

Kryonium_Cover
Foto: Matthias A. K. Zimmermann [mit freundlicher Genehmigung des Autors].

Klappentext

Gefangen an einem unbekannten Ort, schmiedet der Erzähler heimlich Fluchtpläne. Die Tatsache, ohne Erinnerungen zu sein, erschwert das Vorhaben. Doch der Drang, endlich auszubrechen aus diesem furchteinflößenden, schneeverwobenen Schloss, lässt ihn jedes Risiko eingehen. Und so gerät der Erzähler immer tiefer hinein in einen wirren Strudel aus rätselhaften Begegnungen und magischer Paranoia, die er spielerisch zu entschlüsseln hofft, was ihn letztlich zum Ursprung seiner Erinnerungen führt. Der All-Age-Roman ist ein technoides Märchen, das sich mit Virtualität auseinandersetzt und die Frage aufwirft, was Erinnerungen sind und was sie bedeuten. Nichts ist so, wie es scheint in der Geschichte und die Frage, was Realität ist, muss immer wieder neu überdacht werden. (1)

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„Es war der heimliche Gedanke an eine Flucht, über den ich immerwährend nachdachte; die Flucht von diesem mir unbekannten Ort.“

Stellt euch vor, ihr lebtet in einem Schloss auf einer Insel, von der es kein Entrinnen gäbe. Wäret in einer strengen Hierarchie gefangen. Dürftet kaum einen Schritt alleine tun. Und würdet beständig daran erinnert, welcher Schatten im See um die Insel darauf lauert, alle zu verschlingen, die der Insel entfliehen wollen.

Stellt euch vor, ihr wüsstet nicht einmal, warum ihr dort lebt, wohl aber, dass es Leben jenseits des Sees gibt.

Was würdet ihr tun?

„Nicht der feine Klang eines Glockenspiels holte mich aus meinem tiefen Schlaf, sondern ein heftiges Gepolter. Mit voller Wucht wurde gegen meine Tür geschlagen und eine Stimme brüllte: »Zimmerdurchsuchung! Wir kommen jetzt rein!« Und ehe ich realisierte, was überhaupt los war, hatten Wachen mein Bett umstellt.“
Kryonium_Innen
 

KRYONIUM. Innenansicht. Foto: Matthias A. K. Zimmermann [mit freundlicher Genehmigung des Autors].

 

Mit dieser Frage beschäftigt sich der Debütroman von Matthias A. K. Zimmermann, der 2019 den Deutschen Verlagspreis gewann und auf der Leipziger Buchmesse als Spitzentitel des Kadmos-Verlags hätte vorgestellt werden sollen.

Wir lernen die Welt um die Hauptfigur aus ihrer Sicht nach und nach kennen und wie sie haben wir Fragen über Fragen. Jedes Detail ist wichtig, jeder Hinweis liefert Antworten, wirft aber auch Fragen auf. Somit ist in diesem über acht Jahre geplanten Werk nichts um seiner selbst willen da, sondern hat seinen festen Platz im Bauplan der Geschichte und trägt andere Bauteile. So wird die Frage, wer Hinweise wie die Schneekugel für die Hauptfigur streut, sicher ebenso beantwortet werden wie die Frage nach den verlorenen Erinnerungen und dem Warum.

„Ich hatte es tatsächlich gefunden, das verschollen geglaubte Werk, nachdem so viele suchten. Aufgeregt ging ich mit dem schweren Folianten zum Schreibtisch hinüber, auf den das Fensterlicht fiel. Ein ›Inhaltsverzeichnis‹ informierte über die Zaubersprüche. Obschon ich nur aus dem einen einzigen Grund hierher gekommen war, den Zauberstab zu verstecken, packte mich die Neugier und ich spielte mit dem Gedanken den Zauberstab auszuprobieren. Ich wollte mich an einer harmlosen Formel versuchen. So schwer konnte das doch nicht sein. ›Feuer- und Eismagie‹ schienen mir zu gefährlich. Wer ein Anfänger und der Zauberei nicht mächtig war, konnte, wie mehrere Anmerkungen ausdrücklich warnten, sich leicht selbst entzünden und verbrennen oder sich ungewollt in eine Kältestarre versetzen und erfrieren. Beim Lesen lief es mir heiß und kalt den Rücken hinab, so ein Risiko wollte ich keinesfalls eingehen.“

Die Lösung liegt in einem Kuriositätenkabinett voller Palindrome – und einer Sammlung aus 1001 Schneekugeln (2).

„Während ich mich hinter einer Tanne versteckt hielt – ich konnte es vor Aufregung kaum noch aushalten –, näherte sich der Zauberer dem Drachen. Prüfenden Blicks umkreiste er die furchteinflößende Steinskulptur. Das tat er drei Mal. Dann hob er den Zauberstab senkrecht in die Höhe, schwang ihn wie eine Acht in der Luft und sprach eine längere Formel. Es donnerte und bebte und mit einem Mal war der Drache zu gefährlichem Leben erwacht.“

Noch habe ich nicht das gesamte Werk gelesen, sondern bisher nur in die Leseprobe hineingeschnuppert. Die Handlung hat mich allerdings rasch in ihren Bann geschlagen und nun möchte ich mit der Hauptfigur gemeinsam herausfinden, wie sie überhaupt in das Schloss kam und wie sie ihren Weg wieder hinausfindet. Daher habe ich mir „Kryonium“ vergangene Woche direkt beim Verlag bestellt.

Weitere thematisch verwandte Bücher stelle ich im Rahmen der von FaKriRo organisierten Onlinemesse hier, hier und hier vor. Ein weiterer Beitrag ist dem Machandel Verlag gewidmet.

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Zur Unterstützung von Verlagen und Schreibenden und ganz im Sinne des Bücherhamsterns: Bestellt nach Möglichkeit bei den Verlagen und den Schreibenden selbst. Davon profitieren sie am meisten.

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Über den Autor

Matthias A. K. Zimmermann ist ein Schweizer Schriftsteller, Maler und Medienkünstler. In seinen Werken hat er sich ausgiebig mit der digitalen Moderne auseinandergesetzt. Aus seinen Bilderwelten ist nun ein fantastischer Roman entstanden, der den Leser auf eine Reise durch die Virtualität mitnimmt.

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(1) Sowohl Klappentext als auch die Angaben über den Autor stammen nicht aus meiner Feder, sondern wurden mir dankenswerterweise vonm Autor zur Verfügung gestellt. Gleiches gilt für die Abbildungen.

(2) Der Autor setzt auch Zahlen als Palindrome ein. ♣ Quelle: Kelly Spielmann, Gefangen in der unendlichen Virtualität. Aargauer Zeitung vom 03. 02. 2020, S. 15.

Die_Weltbilder_des_Mechanischen_Flächenlands
 

Matthias A. K. Zimmermann, „Die Weltbilder des Mechanischen Flächenlands“, Diasec, 100 x 280 cm [mit freundlicher Genehmigung des Autors].

 

4 Gedanken zu „Kurioses aus dem Mechanischen Flächenland“

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