Rezension

„Von der unbedingten Anwesenheitspflicht im eigenen Leben.“

Dieser Titel, ein Zitat des Klappentextes zu Mariana Lekys „Was man von hier aus sehen kann (Leseprobe auf der Verlagsseite), ist nicht nur eine Empfehlung an diverse Charaktere des Werkes, sondern stellt vielmehr eine Forderung an uns alle dar. Oft verwenden wir zu viel Zeit darauf, für andere zu leben statt ganz bewusst für uns im Hier und Jetzt.

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Es ist der 18. April 1983 (1), als Selma, ihres Zeichens Großmutter väterlicherseits der damals zehnjährigen Protagonistin Luise, selbiger von ihrem Traum erzählt, in dem sie auf der Uhlheck (2) einem Okapi begegnet. Die Kunde von Selmas Traum verbreitet sich wie ein Lauffeuer, kaum, dass sie ihrer Schwägerin Elsbeth davon erzählt. In den folgenden Stunden führt dies im Dorf zu hektischen Vorbereitungen. Wahrheiten werden hervorgekramt, manche davon per Post aufgegeben, andere ausgesprochen. Die sympathisch und humorvoll erzählte Kopflosigkeit der Dorfleute rührt daher, dass alle im Dorf wissen, dass binnen 24 Stunden nach Selmas Okapi-Traum jemand aus der Dorfgemeinschaft stirbt. Als Lesende werden wir gleich zu Beginn des ersten Kapitels über diese skurril anmutende Verknüpfung in Kenntnis gesetzt:

Selma hatte in ihrem Leben dreimal von einem Okapi geträumt, und jedes Mal war danach jemand gestorben, deshalb waren wir davon überzeugt, dass der Traum von einem Okapi und der Tod unbedingt miteinander verbunden waren. Unser Verstand funktioniert so. Er kann innerhalb kürzester Zeit dafür sorgen, dass die einander abwegigsten Dinge fest zusammen gehören. Kaffeekannen und Schnürsenkel beispielsweise, oder Pfandflaschen und Tannenbäume. [S. 13]

Wer diese Zusammenhänge auf hervorragende Weise herstellen kann, ist der Optiker des Dorfes, der nur an einer einzigen Stelle – die ich nicht verrate 😉 – tatsächlich namentlich genannt wird. Auch schleppt eine unausgesprochene Wahrheit mit sich herum, die allerdings für alle im Dorf offen sichtbar ist: Schon, als ihr während des Zweiten Weltkrieges verstorbener Ehemann Heinrich noch lebte, war der Optiker unsterblich in Selma verliebt, hat es aber bis dato nie gewagt, es ihr zu gestehen.

Der Optiker hatte keine Affäre (es gab auch niemanden, mit dem er eine Affäre hätte haben wollen) (3), er hatte nie jemanden bestohlen und außer sich selbst auch niemanden nachhaltig belogen. [S. 27]

Stattdessen verbringt er jede freie Minute in Selmas Haus und mit ihrer Familie, ist der Protagonistin Luise ein guter Freund und erklärt ihr die Welt.

Als nach den erwarteten vierundzwanzig Stunden noch alle leben, stehen diejenigen, die ihre Wahrheiten bei der Post aufgegeben haben, Schlange, um diese noch vor dem Versenden rasch und verschämt zurückzunehmen. Eine Kurve, die jene nicht mehr kriegen, die ihre Wahrheiten ausgesprochen haben. Das Dorf atmet auf. Bis nach neunundzwanzig Stunden der Tod dann doch noch grausam zuschlägt. Damit endet der erste Teil des Buches.

Tatsächlich bildet der Tod stets den Abschluss eines Sinnabschnitts im Buch, das aus drei Teilen besteht. Die beschriebenen Zeiträume werden hierbei stets länger. Umfasst Teil 1 nur neunundzwanzig Stunden, erstreckt sich Teil 2 bereits über mehrere Monate des Jahres 1995, während Teil 3 im rasenden Galopp die wichtigsten Ereignisse der Jahre 1999 bis 2005 schildert. Teil 1 führt uns in die Welt des kleinen Dorfes ein, bis ein einschneidendes Erlebnis das gesamte Dorf erschüttert. Teil 2 zeigt Luises Erwachsenwerden – sie wohnt und arbeitet mittlerweile in der Kreisstadt. Und dann lernt sie bei einer Wanderung in der Uhlheck unverhofft jemanden kennen, dessen Anwesenheit in dem kleinen Dorf unwahrscheinlicher nicht hätte sein können. In Teil 3 schließlich steht in der Liste der geschilderten Ereignisse der Geburtstag von Selma stets an erster Stelle. Und jeder Geburtstag wird angekündigt durch das Geschenk eines Bildbandes aus einem der vielen Länder, die ihr Sohn Peter, Luises Vater, bereist (4).

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Die im Titel stehende Forderung ist nicht allein an Luise gerichtet, sondern zieht sich durch die gesamte Erzählung und wendet sich an den Optiker ebenso wie an Luises Eltern Astrid und Peter, an den Jäger Werner Palm, an die Traurige Marlies und in geringem Maße auch an Elsbeth, Selmas Schwägerin – die sogar bei Nacht und Nebel in Pumps statt in praktischeren Gummistiefeln über den matschigen Feldweg eilt, weil eins nie wissen kann, wer einem über den Weg läuft. Auf ihre Weise fürchten sie sich alle vor dem Leben (5) und die Wege, die sie beschreiten, um in ihr Leben zurückzufinden, sind so verschieden wie die Menschen nun einmal sind.

Dass ich diese Lektüreempfehlung meiner werten Frau Stiefmama innerhalb einer Woche verschlungen habe, spricht für sich. Das Werk verströmt einen ganz eigenen und besonderen Charme, der neben dem Schreibstil und dem sehr eigenen Humor dem Umstand geschuldet ist, dass der von Mariana Leky ausgebreitete Mikrokosmos „Dorf im Westerwald“ mit allen seinen Eigenheiten der Erfahrungswelt nicht weniger Lesender entspringt. Die negativen Seiten des Dorflebens wie stärkere soziale Kontrolle und Einmischung ins eigene Leben durch alle, die der Meinung sind, es ginge sie etwas an, werden unterschwellig angedeutet, ohne Wertung. Auf den ersten Blick muten die dargestellten zwischenmenschlichen Beziehungen oberflächlich an und es ist nicht auf Anhieb erkennbar, was die Figuren überhaupt zusammenhält, weil die emotionale Tiefe sich zwischen den Zeilen entfaltet. Im Laufe des Erzählens verlässt die Autorin immer wieder die Begrenzungen von Luises Ich-Perspektive und gibt darüber hinaus Einblicke, die der Protagonistin selbst erst Jahre später wirklich bekannt werden. So gibt es etwa in Teil 1 den Hinweis darauf, dass erst Jahre später jemand von außen kommen musste, um sie auf Selmas Ähnlichkeit mit einer 2006 verstorbenen, aus den Niederlanden stammenden Berühmtheit zu stoßen.

Insgesamt kann ich „Was man von hier aus sehen kann“ nur ans Herz legen.

 

Eine angenehme Lektüre wünscht

Das Nixblix.

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Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann. DuMont 2017. 320 Seiten. ISBN 978-3-8321-9839-8.

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(1) Mein erster Gedanke, als ich dieses Datum las: „Da war ich auf den Tag zwei Wochen alt.“

(2) Im örtlichen Dialekt gebräuchliche Bezeichnung für den Flurnamen „Eulenwald“, im Buch beschrieben als eine von Feldern und Wiesen umgebene Wiese am Waldrand.

(3) Das Sichtbarkeitsmonster in mir jubilierte beim Lesen wieder, zumal in Anbetracht der Selbstverständlichkeit, mit der dies geschildert wird.

(4) Dessen offensichtlich sexuell frustrierte Ehefrau Astrid eine Affäre mit Alberto hat, dem Besitzer der Eisdiele, während Luises Vater sich ständig auf Reisen und der Suche nach sich selbst befindet.

(5) Diese treffende Formulierung ist einer Rezension auf n-tv entlehnt.

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2 Gedanken zu „„Von der unbedingten Anwesenheitspflicht im eigenen Leben.““

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