Asexualität

Über Bedeutungsverschiebungen und das Setzen persönlicher Grenzen.

Die ursprüngliche Absicht bestand darin, eine deutsche Übersetzung von Queenies längst überfälligem und gut strukturiertem Blog-Beitrag „Asexuality as a hard limit“ zu liefern. Doch zum einen wäre diese zu lang geworden. Zum anderen ist es meines Erachtens notwendig, die älteren Diskurse über Konsens und die „sex-repulsed – sex-indifferent – sex-favorable“-Trichotomie einfließen zu lassen, ohne die Queenies Reaktion auf Talias dem ihren vorangegangenen Beitrag nicht halb so nachvollziehbar ist.

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Zwar wird über Konsens in Bezug auf sexuelle Interaktion bereits in anderen Zusammenhängen hinlänglich diskutiert, dennoch möchte ich meine Gedanken dazu beitragen. Wann sprechen wir von Konsens? Einfach gesagt, wenn alle Beteiligten ihr Einverständnis zur Beteiligung an bestimmten Handlungen zum Ausdruck gebracht haben und wenn die Beteiligten sich auch während der Handlungen des gegenseitigen Einverständnisses im Zweifelsfall rückversichern. Handelt es sich aber um echtes Einverständnis, wenn mindestens eine der beteiligten Personen gar keine andere Wahl hatte, als zuzustimmen – oder glaubte, keine andere Wahl zu haben? Die Antwort sollte offensichtlich sein. Sollte. Nein, es handelt sich in solchen Fällen nicht um Konsens – aber auch noch nicht zwingend um Nötigung oder gar Vergewaltigung. Das Einverständnis kam zustande, weil jemand unter Zwang stand, unter sozialem Druck, weil jemand Angst vor den möglichen Folgen hatte, die ein „Nein“ nach sich ziehen könnte, weil jemand im Glauben war, „Ich will nicht“ oder „Ich habe keine Lust dazu“ seien als Gründe für ein „Nein“ nicht legitim, nicht ausreichend.

„Keine Lust“ ist aber nicht nur der naheliegendste Grund für ein „Nein“ zum Sex, sondern auch der bedeutsamste.

Weshalb Asexualität (1) keinesfalls als „einfachste Lösung“ abgetan werden sollte – vor allem dann nicht, wenn „keine Lust“ sich als dauerhafter Grund erweist.

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Und hier schlagen wir den Bogen zu Queenies Beitrag. Viel von dem, was sie über ihre Kindheit erzählt, weist Parallelen zu der meinen auf. Ihrem Beitrag ist zu entnehmen, dass sie ebenso wie ich in einer Familie aufwuchs, in der emotionaler Missbrauch kein einmaliger Ausrutscher, sondern  quasi der „Normalzustand“ war. Ich könnte das an dieser Stelle detailliert ausführen, aber das würde den Rahmen des Textes sprengen. Ich will mich in Anlehnung an Queenie mit den Folgen beschäftigen, die das Aufwachsen in einem solchen familiären Umfeld auf die Bereitschaft, eigene Grenzen anzuerkennen und durchzusetzen, auf die Konsens-Fähigkeit also, haben kann. Kann. Nicht muss.

Lernt ein Mensch schon früh – durch permanentes Überschreiten und Missachten der eigenen Grenzen durch Nahestehende, durch permanentes Verknüpfen eigener Willens- oder Unwillensäußerungen mit vermeintlicher Schlechtigkeit der eigenen Person und zwangsläufigem Verletzen Nahestehender, durch fehlende Anerkennung eines einfachen „Nein, ich will das nicht“, durch beständige Ignoranz der eigenen Wünsche durch andere –, dass die eigenen Wünsche und Bedürfnisse weniger zählten als die Wünsche und Bedürfnisse anderer oder dass etwas nur abgelehnt werden dürfe, wenn einem „legitimere“ Gründe einfielen als „Ich will das nicht“, wird es demselben Menschen nicht eben leicht fallen, ein echtes Einverständnis aus freiem Willen zu erteilen. Denn wer gefühlt nie ein Recht auf einen eigenen Willen, auf eigene Wünsche, auf eigene Bedürfnisse hatte, der wird sie irgendwann auch nicht mehr an andere herantragen. Oder es wird zumindest große Mühe kosten, das zu tun.

Nur, damit wir uns richtig verstehen: „Ich will das nicht“ ist ein legitimer Grund. „Ich will das nicht“ ist der grundlegendste aller legitimen Gründe. Punkt.

Es gibt Umstände, in denen dieser Ausdruck des Unwillens übergangen werden muss oder nicht berücksichtigt werden kann – wenn es beispielsweise um eine medizinisch notwendige Operation bei einem Kind geht (2) – aber grundsätzlich hat niemand das Recht, gegen den Willen einer Person deren (körperliche) Grenzen zu überschreiten. Es bedarf einer Einwilligung (3). Die wir nur erhalten, wenn wir fragen. Nicht, ob jemand diese Grenze für uns überschreiten würde. Sondern, ob wir die Erlaubnis haben und ob die Person das auch will. „Würdest du das für mich tun?“ ist die falsche Frage, die vor allem Menschen unter Druck setzt, welche unter vergleichbaren Umständen aufwuchsen wie ich. Die besseren Fragen wären „Darf ich?“, „Erlaubst du es mir?“, „Willst/möchtest du, dass ich das tue?“, zeugen sie doch davon, dass Grenzen geachtet und anerkannt werden. Fragen wie diese sind empathisch, einfühlsam. Bezeugen achtsamen Umgang miteinander.

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Fragen müssen wir auch, wenn wir herausfinden wollen, wie es um die Einstellung einer (asexuellen) Person zum Thema Sex bestellt ist, schreibt Talia. Solange wir nicht fragen, schreibt sie weiter, sei deren Einstellung dazu zu behandeln wie Schrödingers Katze: Wir wissen es nicht und daher könne sie gleichzeitig sowohl „sex-repulsed“ als auch „sex-indifferent“ als auch „sex-favorable“ sein. Alles grundsätzlich richtig, dennoch beinhaltet Talias Gleichnis einen gedanklichen Fehler, der das Ergebnis einer Bedeutungsverschiebung der oben angeführten Begriffe ist. Um also die Problematik hinter Talias Beitrag zu verstehen – und damit gewissermaßen auch Queenies Reaktion –, ist eine kurze Erläuterung notwendig.

Was zunächst als Dichotomie „sex-repulsed – sex-indifferent“ begann und schlicht umschreiben sollte, wie jemand sich fühlt, der mit sexuellen Inhalten oder sexuellem Interesse anderer konfrontiert ist (gleichgültig oder unwohl), wurde im Laufe der Zeit um den Terminus „sex-favorable“ erweitert. Dies geschah zunächst in der Absicht, einen Begriff für jene Asexuellen zu finden, die sexuelle Interaktion (z. B. Flirtsituationen, aber auch sexuelle Handlungen) durchaus hin und wieder als angenehm empfinden oder gar genießen können. Ursprünglich dienten diese Begriffe also lediglich dazu, auf einfache Weise auszudrücken, wie jemand sich in sexuellen Situationen fühlt.

Irgendwann wandelte sich die Bedeutung jedoch – aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen. Als ich 2016 auf AVENde und diverse Blogs stieß, wurde ich bereits mit dieser zweite Bedeutungsebene konfrontiert. Zu diesem Zeitpunkt existierte bereits die Interpretation, „sex-repulsed“, „sex-indifferent“ und „sex-favorable“ würden lediglich aussagen, ob jemand sexuelle Handlungen prinzipiell mitmachen oder gar anstreben würde oder eben nicht. Und Talias Beitrag steht unter dem Einfluss genau dieser Interpretation. Und das sehe ich als problematisch.

Zwar teile ich nicht sämtliche Befürchtungen mancher Beitragschreibenden, dass die Bedeutungsverschiebung sogenannter Compulsory Sexuality und Rape Culture in die Hände spiele, dennoch halte ich die Bedeutungsverschiebung für unsinnig und wenig hilfreich. Denn es klingt nun einmal unglaubwürdig, gar wie ein Widerspruch in sich, wenn es heißt, Asexualität sage nichts darüber aus, ob jemand Sex wollen würde oder nicht.

Besinne ich mich allerdings auf die ursprüngliche Aussageabsicht hinter „sex-repulsed“, „sex-indifferent“ und „sex-favorable“, ergibt sich die weit plausiblere Formulierung, dass Asexualität nichts über die persönliche Einstellung zum Thema Sex und auch nichts über das persönliche Empfinden sexueller Handlungen aussagt. „Sex-favorable“ bedeutet also lediglich, dass jemand dem Ganzen auch positive Aspekte abgewinnen kann – was aber noch lange nicht bedeutet, dass diese Person auch jederzeit bereitwillig sexueller Interaktion zustimmen wird. Es ist schließlich, wie Sennkestra es anschaulich in dem etwas schrägen Toilettengleichnis erläuterte, immer noch eine Kosten-Nutzen-Rechnung.

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Die persönliche Einstellung zu einem bestimmten Thema oder das persönliche Empfinden bei bestimmten Handlungen erlaubt noch lange keine Aussage darüber, ob jemand diese Handlungen überhaupt durchführen oder sich mit einem bestimmten Thema auch wirklich beschäftigen möchte. Per Default bei jeder asexuellen Person davon auszugehen, sie sei prinzipiell bereit zu sexueller Interaktion, nur, weil es in vielen Informationsmaterialien und Presseartikeln immer wieder erwähnt wird, dass manche Asexuelle sexuell aktiv sind (3) und das Asexuelle Sex haben können (4), missachtet schlicht den Umstand, dass wir alle Individuen sind. Mit individuellen Bedürfnissen, individuellem Empfinden und individuellen Grenzen.

 

 

(1) Unter „Asexualität“ wird eine sexuelle Orientierung verstanden, die dadurch definiert ist, dass jemand keine/nur geringe sexuelle Anziehung und/oder kein/nur geringes Verlangen nach sexueller Interaktion verspürt. Die anziehungsbasierte Definition ist im englischsprachigen Raum häufiger, während die verlangensbasierte Definition im deutschsprachigen Raum durch das AVEN-Forum vertreten wird. In meinen Augen gibt es keinen Grund, einer Person, die sich in einer der beiden Definitionen wiederfindet, die eigene Asexualität abzusprechen.

(2) Worum es sich bei Beschneidungen von Jungen und Mädchen in den seltensten Fällen handelt, aber das ist ein anderes Thema für einen anderen Tag.

 

(4) Beispielsweise um ein Kind zu zeugen oder um die sexuellen Bedürfnisse ihrer Partner*innen zu erfüllen.

(5) In wessen Ohren klingt das noch wie „Solange ich prinzipiell sexuell funktionieren kann, muss ich mir keine Sorgen machen und gelte als normal und gesund“ ? O_o

 

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2 Gedanken zu „Über Bedeutungsverschiebungen und das Setzen persönlicher Grenzen.“

  1. Hm-hmmm. Ich muss hier noch ein bisschen drüber nachdenken, da alle irgendwie recht zu haben scheinen – die Skala avers-indifferent-favorable war offenbar nötig, sonst hätten sich nicht so viele drauf gestürzt. Ein bisschen unglücklich scheint, dass sie eine bestehende Dichotomie, die auf alle möglichen Situationen (wie beliebige Gespräche, Werbung und jegliche Form des Geschichtenerzählens) angewendet werden kann, auf zwischenmenschliche Kontakte reduziert, in denen es um Sex geht.
    Dieses „manche asexuellen Menschen können Sex genießen“-Mantra ist zwar wahr, aber darauf auf alle zu schließen, ist tatsächlich sehr schräg. (Mir war’s deswegen sehr wichtig, dass mein A-Karten-Bene seine Grenzen klar steckt. Allos blicken das zu selten.) „Manche Schwule haben auf natürlichem Wege gezeugte Kinder“ ist ja auch kein Argument, einen Schwulen in eine Ehe mit einer Frau zu drängen.
    Und am Ende sollte ein Nein zwecks persönlicher Grenzen immer respektiert werden, wenn’s nicht grade um Leben und Tod geht. Egal, ob’s das Küsschen von der Oma oder das Händeschütteln mit Fremden ist. In den Schulen und Kindergärten scheint sich in den letzten Jahren da einiges getan zu haben — so was war in meiner Jugend gefühlt noch kaum Thema — aber das rettet nicht vor manipulativen Erziehungsberechtigten, die um jeden Preis ihren Willen durchzusetzen trachten. (Manchmal verzweifelt eine an der Größe der Baustelle, die diese Erde ist.)

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