Romane

Bücherhamstern #15

Tritt ein, Fremder.
Was du suchst, wirst du finden.
Was du wünschst, sich erfüllen.
Doch sei gewarnt!
Nichts ist, wie es scheint.
Jede Suche fordert ihr Opfer.
Jeder Wunsch seinen Preis.

In goldenen Lettern stehen diese Worte auf dem Tor, durch das Sofia die Wiese auf der anderen Seite des Mühlenbachs und damit das Mühlenreich betreten kann, das Reich von Spinnenfee und Mottenmutter, von Käferkönig und Schmetterlingshexe. Doch zu dem Zeitpunkt, da Sofia nach vielen Jahren erstmals wieder das mittlerweile leerstehende Haus ihrer Großeltern im Brunnenweg besucht, um nach der Trennung von ihrem Partner einige Wochen darin zu wohnen und Abstand zu gewinnen, kann sie sich an das Mühlenreich nicht mehr erinnern. Überhaupt, so stellt sie fest, als sie sich mit Menschen unterhält, die sie von damals kennen und noch im Brunnenweg wohnen, scheinen einige Dinge geschehen zu sein, an die ihr jede Erinnerung fehlt. So hat sie beispielsweise jede Erinnerung an Maren verloren, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, mit dem sie früher spielte und das eines Abends am Mühlenbach verschwand.

Die Frage, wer Maren wohl war und warum Sofia sich an sie und andere Dinge nicht erinnern kann, verfolgt Sofia bis in ihre Träume, in denen sie sich auf der Brücke über den Mühlenbach wiederfindet und einem Kraken begegnet.

Das Haus im Brunnenweg 13.

Fabienne Siegmund spinnt Phantastik der besonderen Art. Wie schon die von ihr ins Leben gerufenen Herbstlande, in die ich zu Beginn des Bücherhamsterns führte, das Zylinderkabinett oder der Zirkus Laylaluna wird auch das Mühlenreich in filigranen Wortbildern vor uns ausgebreitet, denen Leichtigkeit und Schwermut innewohnt und die zerbrechlich wirken wie die Flügel eines Schmetterlings oder die Beine eines Weberknechts. Das Wünschen spielt nicht selten eine besondere Rolle, wie wir aus den Herbstlanden bereits wissen. So auch in der Novelle Spinnenfee und Mäusekönig, in der uns erzählt wird, wie es dazu kam, dass der Eingang zum Mühlenreich durch oben erwähntes Tor verschlossen wurde.

In den ersten Wochen des Jahres 2020 suchten gut zwei dutzend Menschen Dinge zusammen, die man zwischen die Seiten eines Buches legen kann, und ließen Fabienne Siegmund auf dem Postweg Zutaten für eine Geschichte zukommen. Ich weiß nicht, was die anderen schickten; in meinen Umschlag wanderten ein Untersetzer in Gestalt einer Schallplatte, zwei gläserne Spielsteine einer weiß, einer schwarz – und die dazugehörigen Geschichten von Kontaktabbruch, Verlust, Neubeginn und unermüdlichem Versuchen. Diese und die anderen Zutaten nahm die Autorin und wob sie an den passenden Stellen mit Worten in ihren Erzählteppich hinein. Auf diese Weise bewahrt das Mühlenreich nicht nur viele Erinnerungen der Autorin selbst, sondern auch die anderer Menschen.

Und wie Sofia werden auch wir uns auf die Suche danach begeben. Auf dass sie uns niemals verlassen mögen.

♣♣♣

Fabienne Siegmund, Spinnenfee und Mäusekönig. Eine Mühlenreich-Geschichte (Art Skript Phantastik 2019) 32 Seiten.

Fabienne Siegmund, Das Mühlenreich. Teil 1 (Art Skript Phantastik 2021) 242 Seiten. ISBN 978-3-945045-53-4.

Fabienne Siegmund, Die Bibliothek der Nacht. Eine Mühlenreich-Geschichte (Art Skript Phantastik 2021) 38 Seiten.

♣♣♣

https://www.phantastik-autoren.net/steckbriefe/siegmund-fabienne

https://artskriptphantastik.de/

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