Allgemein, Asexualität, Öffentlichkeit, Queeres Gedankengut, Sichtbarkeit und Bildung, Vielfalt

Wer darf eigentlich in der Öffentlichkeit über (die eigene) Asexualität sprechen und wer entscheidet darüber?

Diese Frage stellte sich mir jüngst, nachdem ich mich auf eine Interviewanfrage gemeldet habe, in der es darum ging, dass Asexuelle über ihre Entwicklung berichten, wann und wie sie den Begriff „Asexualität“ für sich fanden und was Intimität für sie bedeutet. Und vor allem, wie sie Intimität in einer Liebesbeziehung leben, wenn die gesellschaftliche Erwartungshaltung darin besteht, dass diese Art von Beziehungen nur dann als legitim betrachtet werden, wenn Intimität in ihnen körperlich und vor allem sexuell ausgedrückt wird.

Nun habe ich zwar mit Anfang Zwanzig körperliche Nähe im Sinne von Kuscheln, Küssen und Streicheln erst mühsam lernen müssen, da dies aber meine Form der Sexualität darstellt, nach der ich mich seit der Pubertät gesehnt habe, dachte ich mir, ein Versuch könnte nicht schaden, und meldete mich auf die Anfrage. Zumal ich seit meiner Selbstfindung im vergangenen Jahr mit Hilfe meines besten Freundes dabei bin, mir meine eigene Sexualität Stück für Stück zurückzuerobern und mich zu befreien. (Meine feministische Stiefmutter wäre stolz auf diesen Satz!)

Geeignet sei meine Geschichte jedoch nicht. Denn es kommt darin ein Aspekt vor, der, werde er in einem Interview zusammen mit Asexualität erwähnt, dem Publikum einen „falschen“ Eindruck vermitteln könne: Sexualisierte Gewalt. Die mir im Alter von neunzehn Jahren angetan wurde. In einem Alter, in dem meine Pubertät seit mindestens fünf Jahren abgeschlossen war – ich war früh ausgewachsen. In einem Alter, in dem vielleicht viele noch keine sexuellen Erfahrungen gemacht haben, aber sehr wohl schon jahrelang wissen, dass sie es wollen – und mit wem. Und entgegen dem in manchen Gegenden Deutschlands noch weit verbreiteten Irrglauben kann sexuelles Interesse an anderen Menschen nicht „geweckt“ werden, durch nichts und niemanden – entweder ist es da oder eben nicht. Ein Mensch wird nicht asexuell (oder allosexuell), sondern ist es. Punkt.

Definitions(ohn)macht

Dieser Umstand sowie alles, was ich zuvor über meine Jugend erzählte und das Bewusstwerden, wie sehr sich andere um mich herum veränderten, während ich gleichblieb – und damit anders war – kurzum, sämtliche Äußerungen meinerseits, dass ich, ohne den Begriff zu kennen, als Zwölfjährige bereits fühlte, dass ich asexuell bin – wurde von da an vollkommen ausgeblendet. Denn sexualisierte Gewalt hat anscheinend im Lebenslauf einer asexuellen Person niemals vorzukommen, weil ihr auf diese Weise unterstellt werden könne, nicht asexuell zu sein, sondern traumatisiert und somit nicht mehr zu selbstbestimmtem Leben und Empfinden in der Lage (1). In dem Moment wird mir meine Selbstbestimmtheit tatsächlich genommen. Ein weiteres Mal. Dieses Mal von einer Person, die den gesellschaftlichen Kanon durchbrechen will und gar nicht bemerkt, dass ebendieser Kanon in ebendiesem Augenblick durch sie selbst spricht (2). Doch ich werde kein weiteres Mal schweigen und es erdulden.

Denn schweige ich, unterstütze ich damit Strukturen, die ich nicht unterstützen möchte. Spreche ich, mache ich aufmerksam auf den Umstand, dass „Normalität“ nicht „natürlich“ ist, sondern kulturell konstruiert und historisch gewachsen. Oliver Marchart hat dies in Bezug auf Kunstvermittlung wie folgt ausgedrückt:

„Die Institution organisiert gleichsam das allgemeine Vergessen ihrer eigenen Rolle als Institution. Dabei können wenigstens vier Formen der Naturalisierung ausgemacht werden. Was die Institution dabei vergessen macht, ist erstens ihre Definitionsmacht, die Tatsache also, dass sie erzeugt und mit definiert, was sie nur zu präsentieren vorgibt: Sie leugnet damit ihre eigene Rolle und gibt vor, sie wäre ein neutraler Vermittler von – kunsthistorischem und anderem – Wissen; zweitens das von ihr Ausgeschlossene, denn jede Kanonisierung produziert Ausschluss, jedes Wissen Unwissen, jede Erinnerung Vergessen; drittens der Komplex der Bedingungen, denen die Institution selbst unterworfen ist, d. h. ihre gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Abhängigkeiten […]; und viertens der Klassencharakter der Institution […].“
(O. Marchart, Die Institution spricht. Kunstvermittlung als Herrschafts- und als Emanzipationstechnologie. In: B. Jaschke/Ch. Martinz-Turek/N. Sternfeld (Hrsg.), Wer spricht? Autorität und Autorschaft in Ausstellungen. Ausstellungstheorie & Praxis 1 (Wien 2005) S. 34-58 (hier: S. 39-40.))

Die Deutungshoheit liegt in diesem Falle eindeutig bei mir. Es ist mein Leben, mein Empfinden. Es sind meine Erinnerungen. Dennoch maßt sich eine Person, die mich nur aus zwei kurzen Telefonaten kennt und die vielleicht ein Bild davon im Kopf hat, was und wie Asexualität sein sollte, an, mir meine eigene Deutungshoheit wegzunehmen.
Versteht mich nicht falsch: Mich macht nicht wütend, dass ich als Interviewpartnerin abgelehnt wurde. Höchstens ein wenig traurig. Nein, es ist die Begründung. Es ist die Art, wie uns von Menschen, die selbst nicht asexuell sind, mitgeteilt wird, wie wir über Asexualität zu reden haben, damit wir „ernstgenommen“ werden. Ohne zu bemerken, dass diese Aussage schon ein Zeichen mangelnder Bereitschaft ist, sich ernsthaft mit unserer Wahrnehmung und unserem Empfinden auseinanderzusetzen.

Wir sind immer noch dabei, uns die Deutungshoheit über unser eigenes Empfinden zu erkämpfen, um nicht weiterhin zwischen Unsichtbarkeit und Pathologisierung zu verschwinden (3). Und dann wird auf diese Weise versucht, uns selbige auf halbem Wege wieder wegzunehmen.
Um zu verhindern, dass ein „falsches“ Bild entsteht. Isn´t it ironic?

♠♠♠♠

(1) Eine Taktik des Totschweigens, die leider auch innerhalb der Community vereinzelt angewandt wird – häufig mit demselben Argument: Es schade der Glaubwürdigkeit aller Asexuellen, wenn Überlebende sich öffentlich zu ihrer Asexualität äußern. The Ace Theist äußerte sich dazu einmal vor einigen Jahren auf Tumblr. Der Initiative sehr mutiger Aktivist*innen ist es zu verdanken, dass es mittlerweile eine Anlaufstelle für Überlebende, aber auch für Medziner*innen oder Familienangehörige und Freund*innen gibt.

(2) Sehr anschaulich vermittelt Oliver Marchart diese Weitergabe von gesellschaftlichen Werten durch Vermittler*innen in dem von mir zitierten Beitrag. Die PDF ist kostenlos verfügbar.

(3) Glücklicherweise liegt in dem medizinischen Portal DocCheck seit Neuestem ein Artikel vor, der sich bemüht, Asexualität von dem pathologischen Stigma zu befreien.
An dem Lexikon-Beitrag desselben Portals über Asexualität war Carmilla DeWinter vom Verein zur Sichtbarmachung von Asexualität, AktivistA, maßgeblich beteiligt. Ein Schritt weiter auf dem Weg heraus aus der Pathologisierungswut gegenüber allem, was anders ist.

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4 Gedanken zu „Wer darf eigentlich in der Öffentlichkeit über (die eigene) Asexualität sprechen und wer entscheidet darüber?“

  1. Hat dies auf Carmilla DeWinter rebloggt und kommentierte:
    Niemand ist frei von Stereotypen. Auch Medienschaffende nicht. Wie sehr wir gewohnt sind, geanderten Menschen die Deutungshoheit über ihr Leben zu nehmen, lesen Sie hier.
    Ich bitte um Vergleiche mit der Behauptung, dass Schwule ja nur der Homo-Propaganda aufgesessen seien. Oder mit der Behauptung, dass Frauen, die nach pränataldiagnostischen Maßnahmen abtreiben, vom Neoliberalismus beeinflusst seien. Oder mit der Behauptung, dass Schwarze Menschen kindhaft seien und daher in Sklaverei besser aufgehoben. Siehe auch Kopftuch-Debatte etc.
    Die Methode, zu behaupten, dass Leute in Outgroups bzw. Minderheiten nicht wissen, was sie tun, hat seit Jahrhunderten System.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke dafür.

      Oh ja, die Kopftuchdebatte hatte ich mit ein paar Leuten auch einmal geführt. Dass Hijab-Trägerinnen auf meine Nachfrage hin erklärten, selbiges aus eigener Entscheidung zu tragen, wurde als von internalisierter patriarchaler Unterdrückung herrührend gewertet. Womit diese Frauen keine eigenen Entscheidungen treffen könnten und von außen „befreit“ werden. Dass es die gleiche paternalistische Arroganz ist, die anderen vorgeworfen wird, scheint dabei nicht aufzufallen. In herrlich überzogener Form findet sich ein solcher Dialog im Film „Meine verrückte türkische Hochzeit“ zwischen Götz´ Mutter Helena und der Schwägerin von Aylin.

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