Rezension

Massenbildungswaffen

„Welches Buch wird dein Leben verändern?“, fragt der Klappentext von Christine Féret-Fleurys 2018 auf Deutsch erschienenen Roman „Das Mädchen, das in der Metro las„. Kaum ein Buch hat mich im vergangenen Jahr so nachhaltig bewegt wie dieses.

Das zunächst als Geburtstagsgeschenk für einen meiner Lieblingsmenschen geplante Buch wurde mir während eines einwöchigen Krankenhausaufenthaltes zu meinem wichtigsten Halt und Trost. Die darin enthaltenen Botschaften werden noch lange in mir nachwirken.

♣♣♣

Juliettes Leben tröpfelt Tag für Tag vor sich hin. Ihr Selbstwertgefühl ist im Keller. Im Grunde seit der Kindheit schon. Ihre Arbeit in einer Immobilienagentur erscheint ihr eintönig. Lediglich die täglichen Fahrten in der Metro bieten ein wenig Spannung, kann sie dort doch Menschen beim Lesen beobachten und sich in Gedanken darüber verlieren, was diese wohl bewegt.

Eines Morgens beschließt sie, einen anderen Weg zur Arbeit einzuschlagen als üblich. Um einmal etwas anderes zu sehen. Gedankenversunken schlendert sie durch die Straßen, bis sie Zaïde begegnet. Sie folgt der Spur des Mädchens bis zu einem Metalltor, das von einem Buch offengehalten wird. Neben dem Eingang prangen auf einem Emailschild in blauen Lettern die Worte: Bücher ohne Grenzen.

Weil sie noch Zeit hat, betritt Juliette das Gebäude. Ein Gebäude, das bis in die hintersten Winkel mit Büchern gefüllt ist. Dort lebt Zaïde mit ihrem Vater Soliman. Dorthin kommen Solimans Kurier*innen, die eine besondere Form des Bookcrossing betreiben.

Darüber hinaus sind Bücher mehr als nur bewegliche Objekte, sie vermitteln emotionale Bindungen und starke Meinungen; Bücher werden nicht nur gesammelt und aufgehoben, sondern auch geteilt.
Quelle: https://www.bookcrossing.com/about

In Abweichung von der Grundidee werden die geteilten Bücher weder mit einer ID gekennzeichnet noch „ausgesetzt“, um von irgendwem gefunden zu werden. Stattdessen werden Menschen beobachtet, studiert. Um den passenden Menschen für ein bestimmtes Buch zu finden.

Meine Kuriere besitzen großes Einfühlungsvermögen: Sie spüren in ihrem tiefsten Innern, welche Enttäuschungen und welcher Groll sich in einem menschlichen Körper verbergen, den auf den ersten Blick nichts von anderen unterscheidet.
[…]
Genau auf jenem seit Langem getrockneten Fleck hockte jetzt Juliette im Schneidersitz und hatte die Bücher wie einen Fächer um sich herum ausgebreitet. […] So viele Worte. So viele Geschichten, Figuren und Landschaften, so viel Lachen und Weinen, so viele unvermittelte Entscheidungen, so viel Schrecken und Hoffnung. Für wen?
Christine Féret-Fleury, Das Mädchen, das in der Metro las, S. 35; S. 50-51.

Ehe sie es sich versieht, nimmt Juliette die ersten Bücher mit. Die Welt der Kurier*innen saugt sie förmlich ein. Den Anfang macht ein Buch, das sie ihrer Kollegin Chloé auf deren Anfrage hin leiht. Eigentlich soll dieses lediglich als bloße Dekoration für das Badezimmer einer Wohnung dienen, die Chloé mit einem jungen Paar besichtigen will. Dennoch will die Wahl des richtigen Buches wohl überlegt sein und so verwendet Juliette große Sorgfalt darauf. Chloés Erfolg bleibt nicht aus, doch als diese wenig später Juliette unterstellt, ihr mit Hilfe der Bücher Konkurrenz machen zu wollen, trifft Juliette eine Entscheidung, die ihr Leben verändern wird. In ihrem Entschluss bestärkt wird sie, als sie wie zufällig einen Gedichtband von Roberto Juarroz aufschlägt und folgende Zeilen darin liest:

Wenn die Welt feiner wird, / als wär sie kaum ein Faden, / können unsere ungeschickten Hände / sich an nichts mehr klammern.
Man hat uns die einzige Übung, / die uns retten könnte nicht beigebracht: / uns an einem Schatten festhalten zu können.
Roberto Juarrez, Dreizehnte Vertikale Poesie, S. 81. Zitiert in: Christine Féret-Fleury, Das Mädchen, das in der Metro las, S. 76-77.

Christine Féret-Fleurys Werk zeigt eines mehr als deutlich: Bücher haben Macht. Weil sie Wahrheiten enthalten. Gedanken. Narrative. Emotionen. Und weil sie mit Hilfe des mächtigsten Werkzeugs entstanden sind, das uns zur Verfügung steht: Sprache. Sprache ist Mittel zur Verständigung. Schlüssel zum Verständnis der Welt um uns und dessen, was uns bewegt. Sprache kann Beziehungen schaffen und sie zerstören. Sprache kann heilen und verletzen. Sprache kann uns zusammenführen, uns aber auch trennen. Wer die Sprache kontrolliert, kontrolliert das Denken [1].

Sprache kann beeinflussen, wie wir uns selbst wahrnehmen. Ein unbedachtes Wort, ein unbedachter Satz zur falschen Zeit ist in der Lage, tiefer zu schneiden als ein Schwert. Und je häufiger und regelmäßiger diese Verletzungen erfolgen – und je nach dem, durch wen -, können sie unsere Wahrnehmung von uns selbst nachhaltig negativ verändern:

Sie fühlte sich froh. Vielleicht war sie ja doch zu etwas gut im Leben, konnte anderen Menschen mit den Büchern, die sie ihnen schenkte, ein wenig Kraft, Mut und Unbeschwertheit schenken. Nein, verbesserte sie sich sogleich in Gedanken. Alles Zufall. Du bist zu gar nichts gut, bilde dir bloß nichts ein, meine Liebe. Dieser letzte Satz kam ihr unwillkürlich in den Sinn, er war wie ein Abzählreim, Worte, die man herunterspult, ohne zu überlegen, was sie bedeuten, aber sie tauchten immer wieder aus der Versenkung auf.
Woher hatte sie die überhaupt? Ach, genau: Eine Lehrerin aus der vierten Klasse der Grundschule hatte sie gesagt. Jedes Mal, wenn Juliette etwas gut gemacht hatte oder zuversichtlich war, dass ihr etwas gelingen würde. Die Lehrerin hatte nichts mit Tugenden im Sinn, die Jahre später unter dem Begriff „positive Verstärkung“ liefen. Aus ihrem Munde kam niemals ein Lob. Wenn man in Mathematik oder Zeichnen etwas zustande brachte, lag das an den Genen, an der Erziehung, oder es hatte eine komplexe Sternenkonstellation nachgeholfen. Zufall, alles Zufall. Bild dir bloß nichts ein, meine Liebe.
Du bist zu nichts gut.
Christine Féret-Fleury, Das Mädchen, das in der Metro las, S. 128.

Sprache ist also ein Werkzeug, dem eine gewissen Macht innewohnt. Wenn wir uns dieser Macht bewusst werden, lernen wir in der Regel, achtsamer damit umzugehen. Bewusster zu sprechen. Oder, wie es Robert Habeck ausdrücken würde, zu übersetzen:

Sprache und Kultur schaffen Beziehungen. Sie sind relational, sie suchen und bestehen auf den Unterschieden im Verstehen, zwischen Menschen, zwischen Meinungen. Das ist ihre Freiheit. Und das ist ihre Bedeutung für eine freie Gesellschaft. Und so wenig, wie eine Nation für sich allein steht oder gar einer anderen überlegen ist, so wenig tut dies eine Kultur oder eine Sprache. Jedes Wort, alles, was wir verstehen, verstehen wir nur, weil andere Wörter (Sprachen, Nationen, Kulturen) sie mit ihrem Verständnis bereichert haben. Alles, was man sagen kann, kann man auch anders sagen. Und wenn wir darauf achten, dass man etwas immer auf zwei oder mehr Arten sagen kann, dann wächst das Bewusstsein, dass alles auch anders sein oder gesehen werden kann. Sprache schafft einen Weltzugang, der immer übersetzt. […] Wenn man selbstverständlich mit zwei Sprachen lebt, dann springt man zwischen den Sprachen. Man setzt über – buchstäblich -, indem man übersetzt. Und das Übersetzen erinnert einen daran, dass die Dinge auch in der eigenen Sprache immer anders gesagt werden können. Nichts ist so, wie es in einer Sprache allein ist. Man muss miteinander an einer gemeinsamen Sprache arbeiten, um zu erklären, was man eigentlich sagt. Toleranz hilft dabei. Ja, sie ist Voraussetzung dafür.
Robert Habeck, Wer wir sein könnten. Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht, S. 81-83.

Der Akt des Sprechens ist immer auch ein Übersetzen. Ein Übersetzen unserer Gedanken, Emotionen, Wünsche, Bedürfnisse. Ein In-Worte-Fassen. Um uns selbst besser zu verstehen. Um uns anderen verständlich zu machen. Fehlen uns die Worte, können wir uns nicht mitteilen. Diesbezüglich schlagen Bücher Brücken, enthalten sie doch die Ergebnisse unzähliger Übersetzungen. Übersetzungen eigenen wie fremden Erlebens und Fühlens für andere. Sie können helfen, wo uns die Worte fehlen. Oder wo eine Sprachbarriere uns hindert, uns in andere hineinzuversetzen [2]. Aber nicht nur diejenigen, die schreiben, leisten Übersetzungsarbeit. Indem wir lesen und einen Teil unserer eigenen Persönlichkeit, unseres eigenen Empfindens, in die Geschichten einbringen, fertigen wir unsere eigene Übersetzung an. Auf diese Weise wirkt ein Buch selten bei zwei Menschen auf die gleiche Weise. Aber indem wir diese Unterschiede feststellen, sind wir in die Lage versetzt, andere besser kennenzulernen.

Statt Entweder-oder ist unsere Welt oft ein Einerseits-andererseits. Übersetzen, wortwörtlich, von einem Ufer zum anderen übersetzen, ist mehr als ein Sprachverständnis. Es ist eine politische Haltung. Denn ein Verständnis von Sprache, das an das Übersetzen denkt, das Verstehen des Fremden einfordert, ist der Gegenentwurf zu dem statischen, hegemonialen und nationalen und zu einem Gesellschaftsbild, das sich von der Abstammung herleitet. Das Deutsche selbst, so wie wir es sprechen und kennen, ist ein Gemisch aller möglichen Einflüsse. Reinheitsgebote sind für Bier; für Sprache gilt, dass sie reicher ist, je vielfältiger ihre Einflüsse.
Robert Habeck, Wer wir sein könnten. Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht, S. 86.

Sprache kann allerdings nur verbindend sein, wenn sie vielschichtig und offen sein darf. Wenn sie im Dialog, in Wechselseitigkeit gedacht ist. Einseitig vorgegebene Sprache dagegen schränkt ein und beraubt Menschen der Möglichkeit, sich frei auszudrücken. Kontrolle über die Sprache (und damit auch über das Wissen) zerstört Kommunikation und damit ein wichtiges Bedürfnis. Eindrücklicher noch als selbst George Orwells Meisterwerk „1984“ demonstriert dies das Beispiel der unterirdischen Bibliothek und des unterirdischen Vorlesungssaals von Daraya, jenes von 2012 bis 2016 durch die syrische Armee belagerten und bombardierten Vorortes von Damaskus. Ironischerweise eröffnete erst das Abgeschnittensein von der Außenwelt den Menschen in Daraya, die Grenzen in ihrem Geist ungestraft weit zu öffnen. Erstmals hatten sie freien Zugang zu Wissen, zu Geschichten und Erfahrungen, zu Ideen. Die Bücher, die sie aus zerstörten Häusern zusammentrugen, boten ihnen nicht nur Halt und Hoffnung, sie waren mehr als eine Flucht vor dem von Angst erfüllten Alltag, sondern erlaubten ihnen erstmals Blicke auf andere Perspektiven. Sie öffneten Fenster nach draußen und schufen durch ihre Vielstimmigkeit die Möglichkeit eines Dialoges.

Aber er will nicht über seine Gesundheit klagen, sondern über seine neu erwachte Liebe zu Büchern sprechen. Er, der Überlebende, wagt es, an ihre heilsamen Kräfte zu glauben. Zwar können sie keine Verletzungen behandeln, doch sie lindern die Blessuren des Geistes. Schon der simple Akt des Lesens schenkt ihm unermesslichen Trost. Das hat er gleich nach der Gründung der Bibliothek gemerkt. Er liebt es, zwischen den Seiten zu flanieren. Endlos zu blättern. Sich in den Punkten und Kommas zu verlieren. Unbekannte Welten zu erkunden.
„Bücher beherrschen nicht. Sie geben. Sie schränken nicht ein. Sie erweitern den Horizont.“
[…]
Während ich Abu el-Ezz´ Worten lausche, wird mir bewusst, wie sehr die Bücher den Menschen in Daraya dabei helfen, sich an andere Orte zu versetzen. Kein eingeschränkter Blick, keine Zensur, stattdessen eine neue Welt voller Worte, Geschichten und Gedanken. Sie lassen sich davon inspirieren, machen sich manches zu eigen. Aus all den Erzählungen schöpfen sie jene intellektuelle Nahrung, die man ihnen viel zu lange vorenthalten hat.
[…]
Trotz des grausamen Inhalts der Muschel [3] hat Omar eine besondere Beziehung zu diesem Buch entwickelt. Es öffnet ihm die Tür zur geheim gehaltenen Vergangenheit seines Landes. Lesen als Mittel gegen diejenigen, die die Erinnerung auslöschen, gegen die Beherrscher des einzig erlaubten Denkens.
Delphine Minoui, Die geheime Bibliothek von Daraya, S. 27; S. 30; S. 61.

Sprache muss frei sein von Kontrolle, damit Bücher ihre Macht entfalten können, damit sie Ideen transportieren und in die Herzen und Köpfe der Menschen pflanzen können.

Umso wichtiger erscheint mir die Botschaft hinter „Das Mädchen, das in der Metro las„.

„Es ist gut, Angst zu haben“, sagte er friedfertig. „Sie fangen an zu begreifen, dass das gründliche Aufräumen, das Sie sich vorgenommen haben – und gegen das ich nichts einzuwenden habe, glauben Sie mir -, nicht hier in diesen Mauern stattfinden sollte.“
„Und wo dann?“
Sie erkannte ihre eigene Stimme nicht wieder, sie klang eifrig, wissbegierig.
„Genau hier oben. Nennen Sie es, wie Sie wollen – Geist, Kopf, Herz, die Fähigkeit zu begreifen, mitzufühlen, zu erinnern … Es gibt noch viele andere Begriffe. Meiner Meinung nach sind sie alle ungenügend. Aber das ist jetzt unwichtig.“
Er stützte sich mit beiden Händen auf die Armlehnen und beugte sich ein wenig zu ihr vor.
„In Ihnen müssen alle diese Bücher ihren Platz finden. In Ihnen, nirgendwo sonst.“
[…]
Sie hatte für sich herausgefunden, ja, sie war mittlerweile überzeugt davon, dass sich in den Tiefen der Bücher jede Art von Krankheit und Leiden fand und deren Heilung. Sie steckten voll Verrat, Einsamkeit, Mord, Wahn und Wut, es gab alles, was einem das eigene Leben schwermachte und es ruinierte, vom Leben der anderen ganz zu schweigen, und konnte es dann nicht lebensrettend sein, über bedruckten Seiten Tränen zu vergießen? Man mochte in einem afrikanischen Roman oder in einer Erzählung aus Korea auf einen Seelenverwandten treffen, und begriff man so nicht, wie sehr die Leiden der Menschen einander ähnelten, wie wenig Unterschiede es eigentlich gab, wie einfach es war, miteinander zu reden, einander anzulächeln, zu berühren und wahrzunehmen, es spielte keine Rolle, auf welche Weise – um einander im täglichen Leben weniger Schmerz zuzufügen? Doch Juliette hatte Angst vor der Herablassung in Léonidas´ Gesichtsausdruck, denn das alles war, ja, es stimmte leider, psychologisches Geschwafel.
Und doch glaubte sie daran.
Christine Féret-Fleury, Das Mädchen, das in der Metro las, S. 112; S. 156.

Christine Féret-Fleury hat mit diesem Werk ein Plädoyer für die offene, pluralistische, internationale, progressive Gesellschaft verfasst, eine Gesellschaft, in der Bücher und die darin enthaltenen Geschichten nicht nur dem Individuum dabei helfen, sich selbst besser zu verstehen, sondern uns alle einander näher bringen, indem sie uns nicht nur den Zugang zu Meinungen und Biographien ermöglichen, die sich von den unseren unterscheiden mögen, sondern uns ebenso die Ähnlichkeiten im Denken und Fühlen aufzeigen und damit bei allen Unterschieden im Individuellen die eine große Gemeinsamkeit offenbaren: Dass wir nämlich alle Menschen sind. Dass wir alle gleichwertig sind.

Jeder Mensch ist einzigartig. Wir alle unterscheiden uns daher voneinander. Das steht außer Frage. Der Parole vermeintlicher „Gleichmacherei“ möchte ich daher von vorneherein den Boden entziehen, wenn ich sage, dass Christine Féret-Fleurys Werk mehr als deutlich zeigt, wie ähnlich wir uns trotz aller Unterschiede letzten Endes sind. Wir alle sind Menschen. Wir alle fühlen. Die gleiche Freude, die gleiche Wut, den gleichen Schmerz. Indem wir schreiben, versetzen wir uns in andere hinein und hinterlassen einen Teil von uns selbst in Figuren, die so anders denken und handeln als wir. Indem wir lesen, erkennen wir die Gemeinsamkeiten zwischen uns, erkennen uns in anderen wieder. Wir erkennen, dass wir am Ende alle gleich sind.

Ich bin so fasziniert von den Bildern, dass ich die Musik, mit der sie unterlegt sind, beim ersten Mal gar nicht bemerke. Ich starte das Video neu, um auf jedes Detail zu achten. Und da höre ich plötzlich eine sanfte, wehmütige Melodie. Ein vertrautes Tempo. Ich spitze die Ohren, zögere. Eine Minute vergeht. Was ist das für ein geheimnisvolles Lied, das mir so bekannt vorkommt? Plötzlich erkenne ich Yann Tiersens Titelmusik aus Die fabelhafte Welt der Amélie. Der französische Kultfilm meiner Jugend, den wir alle wieder und wieder gesehen haben.
In einer Nachricht gesteht mir Ahmad, dass er ein großer Fan von Audrey Tautou ist und den Film Dutzende Male angeschaut hat. In der ewigen Dunkelheit Darayas ist er so etwas wie sein Mantra.
So fern, einander so nah.
Und zwischen uns der Krieg.
[…]
„So haben die meisten unserer Besucher den Alchimisten gelesen“, erklärt mir Abu el-Ezz.
„Der Alchimist von Paulo Coelho?“
„Ja, das ist eines ihrer Lieblingsbücher. Sie leihen es einander aus und geben es immer weiter. Manche haben es auch schon mehrmals gelesen.“
Dass der internationale Bestseller dermaßen ihr Interesse geweckt hat, liegt daran, dass er in einfachen Worten etwas beschreibt, was ihnen vertraut ist: die eigenen Grenzen zu überschreiten. Sie erkennen sich in jenem spanischen Hirten wieder, der sich in Coelhos Buch auf die Suche nach seiner „persönlichen Legende“ macht, eine Reise, die ihn von Andalusien bis zu den ägyptischen Pyramiden führt. Die jungen Revolutionäre lesen das Buch wie ein Echo ihrer eigenen gefährlichen Odyssee. Sie klammern sich daran wie an einen Kompass. Vielleicht weil es einen in ihren Augen ganz besonders kostbaren Schatz enthält: die Vorstellung von grenzenloser Freiheit.
[…]
Zwar enthalten Bücher nicht den Schlüssel zum Glück, aber womöglich verfügen sie zumindest über die Macht, die Menschen an dieses Glück glauben zu lassen.
[…]
„Wenn ich über Sarajevo lese, fühle ich mich weniger allein. Wenn ich mir sage, dass schon andere vor uns das Gleiche durchgemacht haben. In einem anderen Land. Einem anderen Kontext. Aber dank ihrer Berichte fühle ich mich weniger verletzlich. Ich finde eine innere Kraft, die mich weitermachen lässt“, sagt Ahmad.
Delphine Minoui, Die geheime Bibliothek von Daraya, S. 24; S. 28-29; S. 34; S. 147.

Bücher bringen uns näher zusammen, sie verringern Distanzen, überbrücken sie, erweitern unseren Horizont und unser Denken, reißen Mauern ein. Sie sind die Axt für das gefrorene Meer in uns [4]. Zur richtigen Zeit kann ein Buch in der Lage sein, unser Leben zu verändern. Es kommt manchmal nur auf unsere persönliche Übersetzung an. Manche Veränderung mag zunächst nur das Individuum betreffen, doch dürfen wir dabei nicht übersehen, welchen Einfluss selbst kleinste Veränderungen bereits haben können. Erst viele Veränderungen im Kleinen ziehen unweigerlich Veränderungen im Großen nach sich. Umso wichtiger sind Initiativen wie mobile Bibliotheken, Lesesalons [5], Bookcrossing.

Denn Bücher sind vor allem eines: Massenbildungswaffen.

„Die Bücher sind unser Weg, die verlorene Zeit aufzuholen und die Unwissenheit für immer zu vertreiben.“
Delphine Minoui, Die geheime Bibliothek von Daraya, S. 25.

Christine Féret-Fleury, Das Mädchen, das in der Metro las (DuMont 2018) 172 Seiten. ISBN 978-3-8321-9886-2.

♣♣♣

[1] An dieser Stelle verweise ich erneut auf das Problem der Deutungshoheit, das ich in der Zusammenfassung meines Vortrags auf der AktivistA 2018 ausführlich thematisiert habe. Siehe dazu auch: Tom Schimmeck, Am besten nichts Neues. Medien, Macht und Meinungsmache (Westend 2010) S. 118; S. 197. Sprache hat allerdings nicht nur das Potential Beziehungen zu schaffen, sondern auch das Potential diese zu zerstören, wenn wir nicht achtsam damit umgehen. Ich bin nicht angetan von der Idee, Begriffe zu verbieten, die politisch nicht korrekt sind, weil dies schnell zu einer Zensur des Denkens und Sprechens führen kann. Wenn uns erst die Worte für etwas fehlen, fehlt uns auch die Möglichkeit, über Dinge zu sprechen. Eine hermeneutische Ungerechtigkeit, die ich als asexuelle Person aus leidvoller Erfahrung nur zu gut kenne. Dennoch halte ich es nicht nur aufgrund der jüngsten politischen Entwicklungen für angebracht, bewusster mit Sprache umzugehen.

[2] Selbst innerhalb einer Sprachgemeinschaft sind solche Sprachbarrieren zu verorten, die nicht immer nur auf ein unterschiedliches Sprachniveau zurückzuführen sind. Häufig kommen Verständigungsschwierigkeiten zustande, wenn kein Versuch unternommen wird, sich in andere hineinzuversetzen und Dinge aus einem anderen als dem eigenen Blickwinkel zu betrachten. Unerwartete Reaktionen oder Missverständnisse können beispielsweise schnell auftreten, wenn bestimmte Begriffe, Themen oder bestimmte Arten der Kommunikation mit bestimmten Emotionen verknüpft sind – oder eben nicht. Wohl eine der häufigsten Ursachen für Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Allosexuellen und Asexuellen 😉

[3] Gemeint ist Al-Qawqa´a. Yawmiyyat mutalassis von Mustafa Khalifa. Englisch als „The Shell. Memoirs of a Hidden Observer“ bei 2010 bei Interlink Pub Group erschienen (ISBN 978-1-566560221).

[4] In hervorragender Weise ist Herwig Gottwald im Jahre 2000 nicht nur auf dieses Zitat, sondern auch auf die Rolle Intellektueller in der Vermittlung des Interesses am geschriebenen Wort eingegangen. Zwar betrachte ich einen Wertewandel nicht als per se Negatives und teile damit nicht die konservative Einstellung des Verfassers, auch sehe die Ursache der „Verblödungsmaschinerie“ durch Unterhaltungsmedien nicht im Neoliberalismus begründet, sondern in einer Einstellung, die weit vor der Entstehung von „panem et circenses“ zu verorten ist, dennoch kann ich einem Großteil der von Herwig Gottwald angeführten Aussagen beipflichten.

Nach der Lektüre solcher Werke ist man verändert, sieht die Welt mit neuen Augen, empfindet vieles tiefer, richtet den Blick unter gänzlich anderen Vorzeichen auf Gegenwart und Vergangenheit. Lesen bedeutet Veränderung der Wahrnehmung der Wirklichkeit, bewirkt das Aufbrechen starrer Denk-Muster, führt auch zur Erschütterung von Gewissheiten, von festgefügten Ideologien und Glaubenssätzen, kann verunsichern, öffnet aber zugleich die Augen für das Fremde, das Andere, auch für das Fremde, weil Unbewusste, Verdrängte, Verschüttete in uns selber.
Quelle: http://aurora-magazin.at/medien_kultur/gottwald_lit_frm.htm

[5] Delphine Minoui erwähnt in „Die geheime Bibliothek von Daraya„, S. 32-33, ein Interview mit der Betreiberin eines Schönheitssalons „im vorwiegend von Arbeitern bewohnten Süden Teherans“, die ihren Salon in einen Lesesalon verwandelt habe. Ich vermute, dass dieses Interview in ihrem 2016 erschienenen Buch „Je vous écris de Teheran“ (ISBN 978-2-757858820) Erwähnung findet. Eine von unzähligen, privaten Initiativen, die weltweit mit dem Ziel unternommen werden, „das Bildungsniveau der Bevölkerung durch Lesen anzuheben.“ Dabei dienen Bücher als „Sedimente der Erinnerung, die sich allen Zwängen widersetzen. Den Zwängen der Zeit. Der Unterdrückung. Der Unwissenheit.“ (Delphine Minoui, Die geheime Bibliothek von Daraya, S. 33.) Ein Kampf gegen Unwissenheit, die manchen wie Kant´sche selbstverschuldete Unmündigkeit anmutet. Jenen, die das Glück hatten, in eine Gesellschaft ohne staatlich ausgeübte Zensur und innerhalb dieser in ein Bildung und Offenheit förderndes Umfeld hineingeboren worden zu sein. Dieses Glück ist längst nicht allen vergönnt.

Lektüreempfehlungen:

Sachliteratur:

Tom Schimmeck, Am besten nichts Neues. Medien, Macht und Meinungsmache (Westend 2010) 279 Seiten. ISBN 978-3-938060-50-6.

Robert Habeck, Wer wir sein könnten. Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht (Kiepenheuer & Witsch 2018) 127 Seiten. ISBN 978-3-462-05307-4.

Delphine Minoui, Die geheime Bibliothek von Daraya. Über die Macht der Bücher in Zeiten des Krieges (Benevento 2018) 219 Seiten. ISBN 978-3-7109-0042-6.

Belletristik:

Christian von Aster, Der Orkfresser (Klett-Cotta 2018) 352 Seiten. ISBN 978-3-608-98121-6. >> Rezension

 

 

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